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Die georgische Architektur

Georgische Kirche Ananuri aus dem 13. Jahrhundert
Wehrkirche Ananuri 13. Jh., Foto: Armin Schmolinske

Immer war die georgische Baukunst von kristalliner Klarheit, von zarter Poesie, von Gelöstheit und beschwingter Lebensfreude, immer zeichnete sie sich aus durch Meisterschaft der Technik und erreichte in ihren Gipfelpunkten klassische Vollendung.

Aus dem Vorwort von "Die Baukunst des Mittelalters in Georgien" von Wachtang Beridse und Edith Neubauer, 1980

Die georgische Architektur hat eine Fülle an historischen Zeugnissen hinterlassen und leistet einen wichtigen Beitrag zur mittelalterlichen Architektur Europas. Ein bedeutender Teil der frühchristlichen Bauten ist erhalten geblieben, die nationale Architektur Georgiens lässt sich dabei in drei Epochen einteilen:

1. klassische Phase (4.-7. Jh.), Übergangsperiode (8.-10. Jh.) und 2. klassische Phase (11.-13. Jh.).

Zum besseren Verständnis lohnt ein Blick auf die vorchristliche Architektur Georgiens, soweit man sie anhand verschiedener Ausgrabungen und antiker Reisebeschreibungen von Vitruv, Strabon oder Xenophon rekonstruieren kann.

Die georgischen Bautypen im historischen Kontext

  • Darbasi-Konstruktion
  • Dreischiffige Basilika / Dreikirchenbasilika
  • Kreuzkuppelbau / Kirchen vom Typ "croix libre"
  • Zentralbau
  • Höhlenstädte
  • Wehrtürme
  • Georgisches Wohnhaus

Georgisches Wohnhaus "Darbasi"

Seit dem 1. Jahrtausend v. Chr.entwickelten sich in Georgien, entlang der Seidenstraße von Indien und Persien ans Schwarze Meer, zahlreiche Städte als Handels und Handwerkszentren, wie Gremi, Mzcheta, Gori, Uplisziche und Kutaissi. Der Heerführer Xenophon beschreibt in seinen Reiseaufzeichnungen Anabasis, die komplexen Anlagen und befestigten Wehrsiedlungen, in welchen die georgischen Stämme in mehrstöckigen Türmen lebten und die Wohnhäuser aus mehreren nebeneinander angeordneten Räumen bestanden.

Die georgischen Wohnanlagen waren damals kreisförmig angelegt, ein traditionelles georgisches Wohnhaus ebenfalls aus kreisförmig angeordenten sich allmählich nach oben verjüngenden Stämmen gebaut, mit einer zwölfeckigen - nach dem Kosmos ausgerichteten - Kuppel. Diese so genannte Darbasi Konstruktion bildete die Grundlage für die frühen steinernen Kuppelkirchen im ganzen südlichen Kaukasus.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden in bäuerlichen Wohnhäusern Kuppeldächer errichtet. Die Hauptsäule Dedabodsi  (dt. Muttersäule) war dabei meist reich mit Schnitzereien verziert. Ein anschauliches Beispiel findet sich im Ethnographischen Museum von Tbilissi, wo zahlreiche traditionelle Wohnhäuser aus den verschiedenen Regionen Georgiens abgetragen und original wieder aufgebaut worden sind.

Die georgische Architektur ab dem 4. Jahrhundert

In ständigem Kontakt mit Persien, Arabien und Europa, bezeugt das mittelalterliche Georgien in allen Bereichen der Kunst den nach Selbständigkeit strebenden Charakter seiner Bewohner; ganz besonders in der Architektur. An vielen Orten stehen die Kirchen verschiedener Epochen nebeneinander, manchmal Tür an Tür, wie in Nekressi oder Alt Schuamta, und ermöglichen auf diese Weise, im Vergleich, den fortwährenden Entwicklungsprozess der georgischen Kirchenarchitektur nachzuvollziehen.

Als eines der ersten Länder der Welt hat Georgien das Christentum angenommen und sich damit bewusst vom kulturellen Einfluss Persiens abgegrenzt. Das 4. Jahrhundert stellt somit einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte Georgiens dar. Im fünften Jahrhundert wurde die Bibel ins Georgische übersetzt und georgische Klöster in Syrien und Palästina gegründet.

Im 6. Jahrhundert kehrten aus Syrien Mönche nach Georgien zurück, um in verschiedenen Köstern das religiöse Leben zu verbreiten und vertiefen. Gleichzeitig forderten die neuen Gedanken der christlichen Religion einen entsprechenden architektonischen Ausdruck.

Älteste georgische Kirchen

Die Saalkirche "Basilika"

Die einfachste Variante war die so genannte Saalkirche, bestehend aus einem einzigen Raum mit einer halbrunden Altarnische und einer Halbkuppel im Osten auf rechteckigem Grundriss. Die Kuppel und der bogenförmige Abschluss im Osten sind von außen nicht zu sehen. Trotz der meterdicken Wänden erlebt der Betrachter im Innern eine unerwartete Weite und fühlt sich durch die hohe Wölbung dem Himmel ein Stück näher, während der Blick durch das Ostfenster nach Draußen weist, wo Bäume und Blätter hereinblitzen.

Ähnlich wie in Griechenland und Byzanz war die dreischiffige Basilika weit verbreitet, in welcher durch mehrere Säulenpaare voneinander abgetrennt drei Räume parallel zu einander liegen, wobei der mittlere deutlich breiter und höher ist. Als typisch georgischer Zusatz sind in vielen Fällen im Norden und Süden Galerien vorgelagert, die der klassischen Ost-West-Ausdehnung entgegenwirken.

Eigenständig entwickelte sich in Georgien daraus die Dreikirchen-Basilika wie in Nekressi (6./7. Jh.), in welcher die Kirchenräume rechts und links vom zentralen Raum mit diesem nur noch durch einen Gang in der Mitte verbunden sind, wodurch ein kreuzförmiger Innenraum angedeutet wird.

Von besonderer Bedeutung ist die Basilika Bolnissi Sioni, aus dem 5. Jahrhunder. An dieser Kirche finden sich erste georgische Schriftzeugnisse und erster Bauschmuck (Pflanzen und Tiere), dessen sichere Ausführung auf längere Volkstradition schließen lässt. Der schlichte, breite Bau vermittelt von außen betrachtet eine gewisse Schwere, die Kirche „liegt auf der Erde und hält sie fest" (Prof. Wachtang Beridse).

Der sanfte Farbton der helltürkiesen Steine nehmen dem Bau jedoch jedes bedrückende Gefühl und verleihen ihm eine für georgische Kirchen charakteristische, einladende Freundlichkeit. Vor allem wirken die im Norden und Süden liegenden Portale der byzantinisch-basilikalen Ost-West-Ausrichtung entgegen, sie durchbrechen die Gegenüberstellung von Altar und Gemeinde, worin sich das Streben der georgischen Architektur nach einem gemeinsamen Mittelpunkt ausdrückt, wie es bereits in der traditionellen Darbasi-Bauweise vorhanden war.

Erste klassische Periode 4.-7. Jahrhundert

Die Georgische Kreuzkuppelkirche

Zu wirklich bedeutender eigenschöpferischer Leistung zählen die georgischen Kuppelkirchen, bei welchen über einem quadratischen Unterbau auf einem Tambour (zylinderförmiger Überbau) die Kuppel ruht. Während in Westeuropa die Völkerwanderungen noch nicht abgeschlossen waren, hatte Georgien auf diesem Gebiet schon seinen ersten nationalen Kunststil herausgebildet: die Kreuzkuppelkirchen vom Typ des „croix libre“ (eingeschriebenes Kreuz), bei welchem die Umrisse des Unterbaus ein Kreuz beschreiben.

Am Zusammenfluss der wichtigsten georgischen Flüsse Mtkwari (Kura) und Aragwi, ragt steil auf einem Berggipfel die Dschwari Kirche auf, die durch ihre harmonischen Proportionen und ihren kristallinen Aufbau zu den vollkommensten Schöpfungen der Kreuzkuppelkirchen zählt.

Das Zentrum bildet eine breite Kuppel, die über einem niedrigen achtseitigen Tambour den ganzen Innenraum vereint. Neben den ausgewogenen Raumteilen beeindruckt besonders der Lichteinfall, der wohldurchdacht die Kuppel als Dominante des Innenraumes sanft erhellt. Im Innern organisch auf einer Grundfläche einer vierblättrigen Blüte (Tetrakonchos) ausgerichtet, wirkt der Bau von außen wie ein aus dem Felsen natürlich herausgebildeter Kristall.

Kirchen vom Typ Dschwari wie Atenis Sioni in Kartlien, Alt Schuamta in Kachetien und Martwili in Megrelien waren in dieser Zeit einzigartig und nur in Georgien sowie in abgewandelter Form in Armenien verbreitet.

Im Gegensatz zu Rom, Konstantinopel und Ravenna, wo im 4.-6. Jahrhundert die Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Innenraum gelenkt war, gestalteten die georgischen Baumeister ähnlich wie in Syrien und Armenien den Innenraum und den Außenbau gleichermaßen und stellten damit bewusst ein Gleichgewicht zwischen Innen- und Außenwelt her.

Der Dekor blieb dabei auf bestimmte durch die Bauform des Denkmals herausgehobene Stellen begrenzt und brachte so einzelne Elemente der Fassadenkomposition besonders zur Geltung. Auffallend ist die Präzision der bauplastischen Arbeiten und das sauber ausgeführte Mauerwerk.

Georgische Architektur im Übergang 8.-10. Jahrhundert

Der Zentralbau

Im 7. Jahrhundert eroberten die Araber Syrien und Palästina und drohten auch Georgien vollständig zu unterwerfen. Trotz verheerenden Plünderungen und Zerstörungen widersetzten sich die Georgier jedoch mit zäher Entschlossenheit. Einige Landesteile verloren ihre Unabhängigkeit und das strategisch zentral gelegene Tbilissi blieb 400 Jahre lang arabisches Emirat.

Die in dieser Zeit gegründeten Klöster, wie Opisa und Zkarostawi, widmeten sich daher nicht mehr nur der Pflege und Verbreitung des christlichen Glaubens sondern vor allem dem Kontakt mit anderen Kulturkreisen besonders mit Byzanz. Zahlreiche georgische Klöster entstanden außerhalb Georgiens in Kleinasien, Bulgarien und Griechenland.

Verschmelzung von Basilika und Kuppelkirche

Die sogenannte Übergangsphase in der georgischen Baukunst ist geprägt von der Suche nach neuen baukünstlerischen Lösungen, nach malerischer Formsprache und origineller schöpferischer Tätigkeit. Den blockartigen Haustein erstetzten als Baumaterial kleinere Steine, Feldstein und Ziegel, die nach Form und Farbe künstlerisch eingesetzt wurden. Um ein malerisches Licht-Schatten-Spiel zu schaffen, entstanden Arkaturen (Scheinbögen) an den Außenwänden, sowie reiche, ornamentale Fensterverkleidungen.

Die Längsformen des Kirchenraums der Basilika nehmen zunehmend ab in Richtung Quadrat mit vier und schließlich nur noch zwei Pfeilern als Stütze. Die Kuppel wurde zum zentralen Teil der Kirche, dem sich alle anderen Glieder unterordneten.

Gerade in dieser Zeit zahlreicher verheerender Invasionen erlebten die Georgier in der christlichen Religion und besonders in den heiligen Ikonen die Kraft ihrer Volksidentität. Nur wenige georgische Königreiche wie Kachetien und Abchasien blieben von der arabischen Vorherrschaft verschont. Durch die Zersplitterung des Landes und die daraus resultierende Isolierung entwickelten sich in den jeweiligen Teilgebieten verschiedene Kunststile unabhängig voneinander weiter, bewahrten das nationale Erbe und sammelten eigene bautechnische Erfahrungen.

Neben zahlreichen Kreuzkuppelbauten mit viergliedrigem Innenraum entstanden verschiedene Varianten der Sechs-Apsiden-Kirchen wie Nikorzminda, deren Innenraum eine sechsgliedrige Blüte bildet.

Das unabhängig gebliebene Königreich Kachetien setzte außerordentlich vielseitige und originelle Ideen erfolgreich um. Die Kirchen von Nekressi, Alt Schuamta und Ikalto bezeugen das individuelle Formempfinden und künstlerische Selbstbewusstsein. Ein sehr schönes Beispiel für die Experimentierfreudigkeit jener Zeit ist die Muttergotteskirche Kwelazminda in Gurdschaani: Eine dreischiffige Basilika mit zwei gleichgestalteten Kuppeln auf niedrigem achteckigem Tambour, eine Verschmelzung von Dreikirchenbasilika und Kuppelkirche.

Die georgische Blütezeit

Zweite klassische Periode 11.-13. Jahrhundert

Die Einigung Georgiens im 11./12. Jahrhundert schuf die Voraussetzung für eine neue Blütezeit.  Unter David dem Erbauer wurden die letzten Araber vertrieben und Georgien zum mächtigsten Staat im Vorderen Orient.  Der Erhalt ihrer Religion und Sprache bildeten die Grundlage für die starke kulturelle Identität der Georgier, deren Werke sich in den folgenden Jahrzehnten auf allen Bereichen – Philosophie, Wissenschaft, Kunst und Architektur – zur höchsten Blüte entfalten sollte.

In dieser Epoche entwickelte sich der Zentralbau zur Vollkommenheit. Die Ost-Westachse blieb weiterhin reduziert, auf einen beinahe quadratischen Grundriss. Die Kuppel wurde durch zwei freistehende Pfeiler  im Westen gestützt, das östliche Pfeilerpaar geht in die Wände des Altarraums über. Die Fassadenkomposition entwickelte sich weiter. Um eine effektvolle Fernwirkung und mehr Lebendigkeit zu erzielen wird der Gegensatz zwischen glatter Wand und einzelnen Elementen verstärkt. Die reiche dekorative Ausstattung gelangte in dieser Periode zum Höhepunkt.

Auch die äußeren Proportionen haben sich verändert: Der Baukörper wurde niedriger, der Tambour höher, was das  dynamische Streben nach oben noch verstärkt. Der untere Baukörper ist dabei etwa so hoch wie der Kuppeltambour, so dass man vier nahezu gleichgroße Glieder erhält:

  • Unterbau (Rechteck bzw. eingeschriebenes Kreuz, West-Ost-Ausrichtung)
  • Mittelbau (Betonung der Nord-Süd-Achse)
  • Tambour (Kreis, von außen polygoner Zylinder) 
  • Dach der Kuppel (Dreieck bzw. Kegel) über dem Mittelpunkt

Von weitreichender Bedeutung für das kulturelle Leben Georgiens war das imposant auf einem Bergrücken liegende Kloster von Gelati, dessen Hauptkirche die Muttergotteskirche von Gelati, ein herausragendes Beispiel für die Harmonie und Ausgewogenheit der georgischen Architektur bildet. Die rhythmische, betont schlicht gehaltene Fassadendekoration verleiht dem Bau eine besondere Würde, der helle Farbton des Mauerwerks stimmt den Besucher heiter und gelassen.

Großzügig und von Licht durchflutet öffnet sich der Innenraum und lenkt den Blick auf das herrliche Mosaik der Gottesmutter in kosmisch weitem blauen Mantel mit dem segnenden Kind in ihrer Mitte, flankiert von den Erzengeln Michael und Gabriel. Zu der Klosteranlage zählen noch weitere Kirchen, ein Glockenturm und das ehemalige Gebäude der Akademie von Gelati, dem geistigen Zentrum des Landes, und eine der ersten Akademien der Welt, nach dem Vorbild der Akademie von Konstantinopel.

Als krönende Schöpfung galt die in den Jahren 1010-1029 erbaute Swetizchoweli Kathedrale, in welcher sich das malerische Stilempfinden der Epoche am deutlichsten zeigt. Der Kreuzkuppelbau ist auf ein nach ost-westlicher Richtung langgestrecktes Rechteck gezeichnet und erhebt sich in rhytmischen Bewegungen bis die einzelnen Bauteile in die Kuppel münden, ein charakteristisches Beispiel der klaren Formsprache georgischer Architektur. Die Fassaden sind plastisch durch Blendbögen belebt, die den rhytmischen Gesamteindruck noch verstärken.

Die lebendige Bauplastik, das polychrome Steinmaterial und die wunderbar harmonischen Proportionen verleihen der Swetizchoweli Kathedrale eine beinahe überirdische Schönheit, die der Dichter Konstantin Gamsachurdia als „Sinfonie der Steine“ besungen hat. Meisterhaft gearbeitete Ornamente bedecken die ganze Westfassade, besonders eindrucksvoll ist die Komposition der "Christi Himmelfahrt".

Nicht weniger harmonisch und elegant zeigt sich die 1030 erbaute Kathedrale Samtawissi, deren Raum wieder einen quadratischen Grundriss anstrebt, mit der Kuppel als Dominante. Die reichen Ornamente der Ostfassade zählen durch ihre durchdachte Komposition und meisterhafte Ausführung zu den prachtvollsten Arbeiten georgischer Steinmetze und hat die georgische Fassadendekoration maßgeblich geprägt. Ein großes Kreuz aus Flechtandmotiven über einem breiten Fensterrahmen und darunter zwei auf die Spitze gestellte Quadrate, ein immer wieder auftauchendes Motiv.

Die handwerkliche Kunst erreichte in dieser Epoche ein unglaubliches Niveau, die Kirchen aus dieser Zeit sind bemerkenswerte Kleinode der Architektur Manglissi 1014-1027), der virtuosen Fassadengestaltung:  Nikorzminda (1010-1014), Ikorta (1172) , Samtawro (erste Hälfte 11. Jh)., Sapara (Ende 13. Jh.) und der stileigenen Freskenmalerei: Ateni Sioni (11. Jh.), Kinzwissi (Ende 12. Jh.) und Timotesubani (Anfang 13. Jh.).

Georgische Selbständigkeit umkämpft und bedroht

Den Georgiern waren nur wenige Perioden des Friedens vergönnt, jedem kulturellen Aufschwung folgten um so schrecklichere Invasionen. Im 13. Jahrhundert geriet Georgien unter die Herrschaft der Mongolen, die das Land grausam heimsuchten und ausbeuteten.

Im 14. Jahrhundert wieder vereint, wurde Georgien schon wenige Jahre später von den Horden des Timur Lenk aus Mittelasien überrannt. In grausamster Willkür zerstörten sie alles, was Georgien in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte. Zu den schmerzlichsten Verlusten zählte die Beschädigung der Kathedrale Swetizchoweli in Mzcheta, das Allerheiligste des georgischen Volkes und Symbol seiner Lebenskraft. Systematisch wurden Ikonen, Übersetzungen und Handschriften – das gesamte kulturelle Vermächtnis der Georgier – zunichte gemacht.

Die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen schnitten Georgien schließlich von Europa ab. Von allen Seiten bedroht, versuchten die einzelnen Fürsten in isolierten Kleinstaaten möglichst viel Macht an sich zu reißen. Ab dem 16. Jahrhundert drängte im Osten Iran heran. Das bereits politisch zersplitterte und wirtschaftlich stark geschwächte Land wurde in den folgenden Jahren von Türken und Persern gleichermaßen zerstört und geplündert. Am grausamsten wüteten die Soldaten des iranischen Herrschers Schah Abbas I. (1587-1692), dessen erklärtes Ziel es war, die Georgier vollständig auszurotten.

Georgische Architektur im 14.-18. Jahrhundert

Festungen und Höhlenstädte

Zur Verteidigung entstanden im ganzen Land an jedem strategisch wichtigen Punkt Festungen und Wehranlagen, selbst hier wurde nach ästhetischem Gesichtspunkten gearbeitet und einheitlich behauende Quader oder größenmäßig sortierter Feldstein verwendet. Zu den prächtigsten Festungen zählen Chertwissi (10.-14. Jh.), der Höhlenkomplex David Garedschi (6.-14. Jh.), die Narikala-Festung (5.-17. Jh.) und die Burg von Ananuri (17. Jh.).

In den Bergregionen Swanetien, Chewsuretien und Tuschetien errichtete jede Familie neben dem Wohnhaus einen eigenen Wehrturm, der – geräumig genug für Vieh und Menschen – die nötige Zuflucht bot. Verschiedene Türme bildeten ein organisiertes Nachrichtensystem, bei welchem mittels Nachrichtenfeuer feindliche Angriffe in kurzer Zeit bis ins Inland gemeldet werden konnten.

Manchmal verschmolzen solche Wehranlagen zu einem einzigen Festungskomplex wie in Chewsuretien Schatili und Mutso. Die mächtigen swanischen Türme von Mestia und Uschguli, vollständig aus Naturstein geschichtet und bis zu 25m hoch, stellen außergewöhnliche Beispiele der mittelalterlichen georgischen Baukunst dar und zählen inzwischen zum UNESCO Weltkulturerbe.

Neben verschiedenen Festungsanlagen auf uneinnehmbar steilen Felsen entstanden auch mehrere Höhlenstädte, deren Wohnräume tief in den Sandsteinfelsen hineingeschlagen wurden. Als eine der größten Höhlenstädte der Welt gilt Wardsia (10.-12. Jh.), deren eindrucksvolle Anlage sich über 500m und neun Stockwerke erstreckt. Nach ihrer Zerstörung und vollständigen Ausplünderung durch den iranischen Schah im 16. Jh., ist der Komplex verlassen, hat aber durch seine spektakuläre Lage steil über dem steilen Flusstal an Faszination bis heute nicht verloren.

Beim Kirchenbau wurde in dieser Zeit mit Ziegelstein experimentiert, dabei hielten auch iranische Elemente wie Spitzbogenfenster und bestimmte, aus einzelnen Steinen eingelegte Ornamente Einzug. In Ostgeorgien haben sich zahlreiche Bauten erhalten, so die Kirche Neu Schuamta (16. Jh.), der Glockenturm von Ninozminda (16.-18. Jh.) und besonders eindrucksvoll die Muttergotteskirche von Gremi , der einstigen Handelsmetropole an der Seidenstraße und Regierungssitz der kachetischen Könige.

Georgische Kirchen nach dem 19.-21. Jahrhundert

Grundlegende gesellschaftliche und politische Veränderungen haben Georgien in den letzten 200 Jahren schwer erschüttert. Es scheint beinahe ein Wunder, dass so viele Kirchen bis heute überdauert und die Menschen während jahrzehntelanger atheistischer Erziehung innerhalb der Sowjetunion ihr religiöses Leben nicht aufgegeben haben. Ein Teil der historischen Denkmäler konnte inzwischen fachgerecht restauriert werden, einige, wie die Bagrati Kathedrale in Kutaisi, der Klosterkomplex von Gelati, die Dschwari Kirche und Swetizchoweli Kathedrale, leisten dabei einen besonders wertvollen Beitrag zur mittelalterlichen Architektur und zählen zum UNESCO Weltkulturerbe.

Viele georgische Kirchen liegen heute auf dem Gebiet der Türkei (Oschki), Armenien (Achtala, Akori), Aserbaidschan (Bertubani) und Dagestan. Sie zeugen von der einstigen Ausdehnung Georgiens und bilden wichtige Bindeglieder zwischen den verschiedenen Entwicklunsschritten der georgischen Architektur.

Georgische Architektur der Gegenwart

Und siehe da - irgendwo in der zweieinhalbten Welt hinter dem Tellerrand Europas entstehen auf einmal Dinge, von denen wir und unsere Bauherren etwas lernen sollten.

Kommentar auf BauNetz.de

Die Zeit der großen National-Kunst ist zuende, es sind längst die internationalen Baustile, die das neue Stadtbild prägen: In den Prachtstraßen der Hauptstadt Tbilissi reihen sich prunkvolle Jugendstilbauten deutscher und italienischer Architekten aneinander, zahlreiche Monumentalbauten der Sozialistischen Architektur haben sich erhalten, und inzwischen hält auch der Futurismus in Tbilissi, Batumi und Kutaissi Einzug mit Glas und Schwung und Raffinesse.

Neben internationalen Architekten wie J. Mayer H, Doreana & Massimiliano Fuksas und Michele de Lucchi machen sich auch georgische Architektenbüros wie Giorgi Khalmaladze Architects (Fast Food Restaurant in Batumi) oder Architects of Invention (Staatsanwaltschaft Tbilissi) einen Namen.

Eine auffällige architektonische Eigentümlichkeit hat sich jedoch bis heute in allen georgischen Wohnhäusern, auf dem Länd, wie in der Stadt, erhalten: ausgesprochen großzügige Balkonumgänge und Balustraden, oft größer als die Wohnzimmerfläche. Bei den georgischen Bauernhäusern verläuft zusätzlich entlang einer langen Fensterfront im ersten Stock ein ungewöhnlich breiter Flur, von welchem die einzelnen Zimmer abgehen.

Die weiten Balkone und der breite Flur dienen einem ganz bestimmten Zweck: Sie sind für große Festgelage eingerichtet, derer es im georgischen Leben zahlreiche gibt. Dabei bildet die traditionelle georgische Tafel die Fortsetzung der kirchlichen Liturgie, bei welcher Trinksprüche wie Gebete mit großer innerer Beteiligung ausgesprochen werden. Im Westen von Georgien gilt der erste Segensspruch dem Frieden, im Osten dem Haus des Gastgebers: „mögen sie uns erhalten bleiben!“.

 

Weiterführende Literatur

Wachtang Beridse, Edith Neubauer: Die Baukunst des Mittelalters in Georgien, Union Verlag Berlin 1980
Ulrich Bock: Georgien und Armenien, zwei Kulturlandschaften im Süden der Sowjetunion, DuMont Reiseverlag, 1988
Russudan Mepisaschwili, Wachtang Zinzadse: Georgien - Wehrbauten und Kirchen, Leibzig 1986
Russudan Mepisaschwili, Wachtang Zinzadse: Die Kunst des alten Georgien, Leibzig 1977
Alfred Renz: Kaukasus, Prestel 1987
Frank Teichmann: Der Gral im Osten, Verlag Freies Geistesleben 1986