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Georgische Musik

Engelfresko im georgischen Kloster Udabno
Engelfresko im Höhlenkloster Udabno

Was die Georgier singen ist wichtiger als alle Neuentdeckungen der modernen Musik. Es ist unvergleichlich und einfach. Ich habe nie etwas besseres gehört!

Igor Strawinsky, russischer Komponist (1882-1971)

Wer einmal die Gelegenheit hat, in einer der uralten Kirchen oder an der georgischen Tafel die Georgier singen zu hören, wird sich der tiefen Eindrücklichkeit ihrer Musik nicht entziehen können.

Der georgische Gesang

Der georgische Gesang zählt zu den kostbarsten Schöpfungen der Menschheit. Volkslieder und georgische Choräle weisen einen hohen Grad an Harmonienkomplexität auf mit drei bis vier eigenständigen Stimmen. Die archaischen Tonfolgen sind schlicht und entfalten in der Mehrstimmigkeit eine außergewöhnliche Spannung und Intensität.

Ursprung und Entstehung der Musik liegen im Dunkeln. Der griechische Historiker Strabon beschreibt im 1. Jh. v. Chr. die mehrstimmigen Gesänge der in den Kampf reitenden georgischen Krieger und nannte die Georgier ein "singendes Volk".

Historische Quellen aus dem 8. Jh. v. Chr. enthalten bereits Verweise auf die weite Verbreitung ritueller Lieder. Archäologische Funde von Musikinstrumenten in Georgien weisen bis in das 15. Jh. v. Chr. zurück.

Eine Erklärung für die jahrtausendelange, größtenteils mündliche Tradierung, bildet die Tatsache, dass der Gesang bis in die Gegenwart hinein fest im Leben der Georgier verankert ist, ergreifend und unvergleichlich schön!

2001 wurde der georgische Gesang in die erste UNESCO-Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immatriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen.

Alan Lomax, einer der bedeutendsten Folklore- und Musikforscher, bezeichnete Georgien als "the capital of the worlds folk musik".

Stimmlagen im georgischen Gesang

Im georgischen Gesang gibt es acht Stimmlagen, die unterschiedlich eingesetzt werden.

Nicht jedes Lied benötigt alle Stimmlagen gleichzeitig. Die meisten Lieder in Georgien werden dreistimmig gesungen:

1. Stimme: Modzacheli ("Anrufer")
2. Stimme: Mtkmeli ("Erzähler")
Untere Stimme: Bani (Bass)

Diese Form der Dreistimmigkeit entstand bereits in vorchristlicher Zeit und entwickelte sich vor allem mit der Kirchenmusik weiter. Es gibt 19 historische Regionen in Georgien, zwölf davon haben eine eigene Musiktradition geschaffen.

Die georgische Harmonik

Das Zentrum der georgischen Volksmusik ist nicht geteilt, nicht gespalten in zwei gegensätzliche Pole. Die geistige Welt dieser Musik ist die Welt der ungeschiedenen Seele.

Jemal Tavadse, georgischer Musiker

Stimmführung und Harmonik des georgischen Gesangs sind weltweit einzigartig. Die georgische Polyphonie entwickelte sich unabhängig von Europa und basiert neben dem eigenen Notensystem auf eigenständigen theoretischen Grundlagen und einem eigenen Tonlagensystem.

Die europäische und die georgische Musik unterscheiden sich grundsätzlich voneinander: Die europäische Musik gründet auf dem dualen Prinzip von Dur und Moll und entwickelte sich dabei in der Polarisierung zweier Seelenstimmungen: der "Freude" und des "Leids". Die georgische Musik kann Elemente von Dur und Moll enthalten, ist aber dem Diatonischen System nicht unterworfen.

Während in der europäischen Musik der Halbtonschritt als kleinste Einheit gilt, verwendet die georgische Musik noch Viertel- und Achteltonschritte, was bedeutet, dass die Musik, insbesondere die mehrstimmige Musik ein viel größeres Spektrum an Harmonien und Aussagemöglichkeiten besitzt.

Die europäische Musik strebt stets auf eine Auflösung in den als stabilsten Akkord empfundenen Tonika Dreiklang, bestehend aus Grundton, Terz und Quinte. Die Quinte markiert dabei den oberen und unteren Ton und von der Stellung des mittleren Tones hängt es ab, ob der Klang die Seelenstimmung Freude oder Leid in sich trägt. (vgl. Jemal Tavadze)

Musik als kosmische Erfahrung

Im Gegensatz dazu zielt die georgische Volksmusik auf eine Auflösung in die reine Quinte oder ins Unisono. Der Übergang von intensiver polyphoner Konsonanz und Dissonanz in die reine Quinte erzeugt im Zuhörer die Erfahrung absoluten Eins-Seins mit der Welt, ohne Übergewicht des Fröhlichen oder des Traurigen. "Grundlage der Musik ist die vollkommene kosmische Einheit, der ungespaltene Kern" (Tavadse).

Der Sänger vermittelt die Urfreude selbst, den Willen zum Leben aus den Kräften des Kosmos und der Natur, in welcher Leben und Tod Stationen im Kreislauf fortwährender Erneuerung von Werden und Vergehen sind. Der Tod ist hier nicht tragisches Ereignis, sondern elementarer Bestandteil des geheimnisvollen Daseins.

Jemal Tavadse, georgischer Musiker

Die georgische Kirchenmusik

Wer immer das Glück hat, einmal in einer der mittelalterlichen Klöster den georgischen Kirchengesang zu erleben, wird sofort spüren, dass sich innerhalb der Harmonien etwas ereignet, was man mit Worten kaum fassen kann.

...es waren diese Harmonien, oder besser, Disharmonien, die mich nicht losließen. Der Gesang war dreistimmig, und ich glaubte herauszuhören, daß es darin nicht eine führende Melodie mit Begleitung gab, sondern, daß jede der drei Stimmen eine Hauptstimme war.

(...) sie gleicht keiner anderen liturgischen oder volkstümlichen Musik der orthodoxen Welt: Sie hat nichts zu tun mit der griechisch-pythagoräischen Tradition, nichts mit der russischen, der armenischen oder der koptischen Musik, nichts mit der türkischen oder persischen, und sie ist für mich von allen diesen Musiken die schönste.

Ihr wichtigstes Merkmal ist eine Dissonanz, die nicht schmerzt und die nicht nach Auflösung drängt, eine Dissonanz von unerschöpflichem Reiz, den ich wie einen Kitzel wieder und wieder spüren wollte. Ich konnte mir die Melodien nicht merken, denn Akkorde lassen sich nun einmal nicht nachsingen.

Martin Mosebach, deutscher Schriftsteller, 2006

Die georgischen Kirchenlieder sind immer dreistimmig in Bezug zur Dreifaltigkeit und anders als in den volkstümlichen Liedern, wo es meist eine führende Oberstimme gibt, ist die Anzahl der Sänger auf die drei Stimmen gleichmäßig verteilt.

Als zu Zeiten der Sowjetunion jeder Gottesdienst verboten war, verschwanden die Lieder aus dem öffentlichen Leben. Sie wurden aber von einzelnen Familien gesammelt, weitergesungen und erstmals niedergeschrieben. Durch diesen "Ausflug" in die Wohnstuben der Menschen haben viele Kirchenlieder zusätzlich eine eigenständige Färbung erhalten, wodurch sie sich teilweise denjenigen Familien zuordnen lassen, denen sie ihre "Rettung" verdanken.

Die georgische Oper

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen georgische Musiker und Komponisten mit dem Prinzip der europäischen Kultur in Berührung, wie die Musik mittels der Dur-Moll-Tonalität danach strebt, Tragödie, Drama und individuelle Bedeutung entstehen zu lassen. 1887 wurde das Opernhaus von Tbilissi fertig gestellt, 1918 die erste georgische Oper uraufgeführt. Dabei wurden z.B. frühmittelalterliche Themen, wie die tragische Liebesgeschichte von "Abesalom und Eteri" vertont.

Das internationale Forschungszentrum für traditionelle Polyphonie in Tbilisi untersucht die Entwicklungsgeschichte der verschiedenen polyphonen Strömungen weltweit und hielt im September 2016 zum achten Mal ein Symposium in der georgischen Hauptstadt Tbilisi ab.

International Research Center For Traditional Polyphony
Jemal Tavadze: Studie über die georgische Musik
Martin Mosebach "Als das Reisen noch geholfen hat", Hanser 2011, S. 270