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Prometheus

Berg Kasbek im ersten Morgenlicht
Kasbek 5.047m, Berg des Prometheus, Foto: Evelien Willems

Schon erhoben sich die schroffen Abhänge des Kaukasusgebirges, wo Prometheus, die Glieder mit ehernen Fesseln an einen rauen Felsen gekettet, einen Adler mit seiner Leber ernährte: Den sahen sie gegen Abend weit oben, wie er mit durchdringendem Zischen nahe den Wolken über das Schiff hinwegflog.

Nicht lange danach hörten sie die klagende Stimme des Prometheus; der Äther hallte wider von seinem Geschrei.

Apollonius Rhodius, Argonautica, 3. Jh. v. Chr.

Im Norden Georgiens, nordwestlich von Stepanzminda (ehemals Kasbegi) überragt der eisbedeckte Kasbek (georg. Mqinwarzweri მყინვარწვერი = "eisige Spitze") die Hochgebirgslandschaft des Großen Kaukasus. Der Kasbek gilt als einer der schönsten Berge des Kaukasus und war - an einer uralten Handelsroute über das Gebirge gelegen - seit alters her ein Ort von Mythen und Legenden.

Der griechischen Überlieferung nach wurde hier Prometheus an den Felsen gekettet zur Strafe dafür, dass er gegen den Willen des Zeus den Menschen das Feuer gebracht hatte. Viel besungen von Dichtern wie Apollonius Rhodius: „Argonautica“ (3. Jh. v. Chr.), Aischylos: „der gefesselte Prometheus (470 v. Chr.) und Johann Wolfgang von Goethe: „Prometheus“ (1772/74), hat sich der Kasbek-Gletscher bis heute einen besonderen Zauber bewahrt.

Die Prometheus Sage

Als Himmel und Erde geschaffen waren, das Meer in seinen Ufern wogte die Fische sich im Wasser tummelten, die Luft von Vögeln durchschwirrt und die Erde von Tieren aller Art belebt war, da blickte Prometheus - der „im-voraus-Denkende“ – auf die Erde hin, und es fehlte ihm an Geschöpfen, deren Leib so beschaffen war, dass der Geist in ihm Wohnung nehmen und die Erdenwelt beherrschen konnte.

Prometheus entstammte dem alten Göttergeschlecht der Titanen, das von Zeus in die Unterwelt verbannt worden war und er wusste, dass im Erdboden der himmlische Samen ruhte. Prometheus nahm von der Erde Ton, befeuchtete ihn mit Wasser des Flusses, knetete ihn und formte daraus den Menschen nach dem Ebenbild der Götter.

Gute und böse Eigenschaften entnahm er der Tierwelt und schloss sie in die Brust des Menschen ein. Bald schon bevölkerten sie in großer Zahl die Erde, doch traumhaft unbewusst taumelten sie umher, sie wussten nicht zu sehen noch zu hören, noch die Welt mit den Sinnen wahrzunehmen oder mit ihren Händen Dinge zu erschaffen.

Prometheus als Kulturbringer

Prometheus wurde ihr Lehrmeister. Er lehrte sie, von ihren Gaben Gebrauch zu machen: den Lauf der Gestirne, die Kunst des Erzählens und der Buchstaben und sich die Tiere Untertan zu machen, damit sie ihm dienten. Sie lernten Steine und Ziegel herzustellen, Holz zu fällen und feste Häuser zu errichten. Er lenkte ihren Blick auf die Dinge im Erdinneren und sie fanden dort Erze, Silber und Gold.

Die Götter boten sich an, den Menschen Schutz zu gewähren, solange sie in Verehrung zu den Göttern aufblickten. Gegen den Willen der Götter stahl Prometheus das göttliche Feuer vom vorüberrollenden Wagen des Sonnengottes Helios, und brachte es den Menschen.

In seinem Zorn schickte Zeus den Menschen die wunderschöne Pandora ausgestattet mit einer Büchse randvoll mit allen Übeln und Krankheiten der Welt. Der gutgläubige Bruder Epimetheus (der nachher-Denkende) öffnete die Büchse und alle unheilvollen Übel entflohen und verbreiteten sich unter den Menschen.

Prometheus am Kaukasus

Prometheus aber wurde in die schlimmste Einöde des Kaukasus gebracht und mit unlösbaren Ketten an einen mächtigen Felsen geschmiedet hoch über einem schaurigen Abgrund. Ohne Speisen und Trank und ohne Schlaf musste er dort leiden, und jeden Tag kam ein Adler, um von seiner Leber zu fressen, die sich immer wieder erneuerte, da er ein Unsterblicher war.

Erst viele Jahrhunderte später sollte Herakles ihn erlösen und seiner Pein ein Ende machen, indem er den Adler des Zeus tötete. Prometheus aber trug ab da an immer einen eisernen Ring, an welchem ein Steinchen von jenem Kaukasusfelsen hing, so konnte Zeus sich rühmen, dass Prometheus weiterhin an den Kaukasus geschmiedet war.

 

Amiran, der georgische Prometheus

Ein georgischer Mythos erzählt vom gewaltigen Helden Amiran, der neben zahlreichen anderen Taten, das Feuer den Göttern gestohlen hatte, um es den Menschen zu bringen und dafür zur Strafe an den Kasbek geschmiedet wurde, wo ihm die schwarzen Raben das Fleisch aus der Brust rissen.

Hoch am Kaukasus in Eisen
Amirani schmachten mußt,
schwarze Raben um ihn kreisen,
reißen auf des Tapfren Brust.

Um das Feuer uns zu geben,
kühn er es den Göttern stahl.
Ewig flammend wird sein Leben
Leuchten allen als Fanal.

Akaki Zereteli, georgischer Dichter (1840-1950)