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Tamada und die georgische Tafel

Tamada Karrikatur
Tamada in Georgien, Karrikatur Oskar Schmerling, Foto: burusi.wordpress.com

"Gaumardschoss! Sei Siegreich!"

M
it diesen Worten erhebt der Georgier sein Glas, damit wird jeder Prost bekräftigt und nur so ist es zu erklären, wie das georgische Volk sich behaupten konnte, trotz ständiger Invasionen und Fremdherrschaften auf- und untergehender Großmächte.

Jeder Gast, der nach Georgien kommt, wird irgendwann einmal zu einer georgischen Tafel geladen sein und an diesem besonderen Zeremoniell alter Tradition teilnehmen. Entgegen landläufiger Annahme, handelt es sich hierbei nicht nur um üppiges Essen mit übermäßigem Weingenuss.


Tamada, der wichtigste Mann am georgischen Tisch

Zu Beginn wird ein Symposiarch, georgisch: "Tamada", ernannt und mit der bedeutsamen Aufgabe der Tischführung betraut. Er ist verantwortlich für das Wohlergehen seiner Gäste, und - das werden alle ausländischen Gäste bestätigen - er bezieht den Einzelnen in die Gesellschaft ein.

Mit reichhaltigem Essen, Wein und meisterhaftem Wortaufgebot wird ein guter Tamada jeden Versuch unterbinden, sich verloren oder fehl am Platz zu fühlen. Die georgische Tafel erfüllt in dieser Hinsicht einen wichtigen gesellschaftlichen Akt der Integration.

Tamada ist in der Regel jemand mit Erfahrung. Er muss körperlich den Anforderungen gewachsen sein, eine gewaltige Menge Wein vertragen und dabei geistig rege bleiben, denn bei den nun folgenden Trinksprüchen sind Kreativität, Scharfsinn, Originalität und Witz gefordert.


Trinksprüche in Georgien

Georgische Tafel
Georgischer Tisch, Foto: Georgia Insight

Stehend und mit erhobenem Glas spricht der Tamada im Laufe des Abends die verschiedenen Segenswünsche auf den Gastgeber und den Anlass, auf die Kinder, die Verstorbenen, Mütter, Ehefrauen, Frauen, Gäste, Freunde, Nachbarn, Friede und Schutzheilige.

Im Anschluss daran erhebt jeder der Anwesenden nacheinander sein Glas, um diesem Wunsch mit eigenen Worten Nachdruck zu verleihen, der Form sind keine Grenzen gesetzt: Zitate großer Dichter, musikalische Einlagen bis zur Tanzdarbietung, alles ist erlaubt.

Einer gewissen Tyrannei kann man sich dabei nicht entziehen. Man wird regelmäßig aufgefordert, den Trinksprüchen der anderen aufmerksam zuzuhören, zu gegebener Zeit die rechten Worte zu finden und vor allem jedes Mal sein Glas zu leeren, ohne dabei betrunken zu werden. Denn Trunkenheit ist eine Schande. Die Georgier verstehen Wein nicht als Alkohol sondern als ein Medium zwischen der physischen und der geistigen Welt.

Vor jedem georgischen Prost werden die Gläser aufs neue gefüllt, denn gerade die Unberührtheit ist die Voraussetzung für einen wirkungsvollen Segen. Wenn man nicht trinken möchte - was selbstverständlich akzeptiert wird - lässt man sich trotzdem einschenken und nippt eben nur symbolisch ein Schlückchen.


Sinn der georgischen Trinksprüche

Tamada Skulptur in Tbilisi
Tamada in Tbilisi nach einer Bronzeskulptur aus dem 6. Jh. v. Chr., Foto: Georgia Insight

Was macht den Gehalt aus? Es ist wohl vor allem das Lob. Es geht darum an den Menschen etwas Lobenswertes zu entdecken und dies mitzuteilen. Selbst wenn es im Alltag Streit und Schwierigkeiten gibt, so werden diese nicht an den Tisch herangetragen.

Der georgische Tisch weist da gewisse Parallelen zur psychotherapeutischen Gruppenarbeit auf. Der Andere wird grundsätzlich mit Liebe und Achtung begrüßt, was soweit führen kann, dass er sich dadurch selbst höher schätzen wird als vorher, was sich wiederum heilsam auf sein Leben auswirkt (Dr. Levan Gvelesiani).

Man muss den georgischen Tisch als vielschichtiges Ritual begreifen. Es ist eine Art Fortsetzung der kirchlichen Liturgie auf weltlicher Ebene, von Mensch zu Mensch. Was nicht in den Segenskanon der Kirche gehört, wird hier ausgesprochen. Das georgische Wort für
"Tafel" bedeutet auch "Altar".


Wein am georgischen Tisch

Der Wein spielt dabei eine besondere Rolle. Er gilt als heilig und dürfte streng genommen, ebenso wie im Kultus, nicht durch ein anderes alkoholisches Getränk ersetzt werden. Durch seine eigene Veredelung soll er selbst veredelnd wirken. In den meisten Bergregionen wird aber oft auch mit Selbstgebranntem nach den gleichen Regeln getrunken.

Es ist bemerkenswert, dass diese Form der georgischen Tischsitte in allen Bereichen der Gesellschaft bis in die Gegenwart hinein lebendig geblieben ist. Es genügen schon zwei, drei Personen, schon kann die  fröhliche Feier, die so genannte "Keipi" beginnen und endet erst wieder mit dem letzten Prost.


"Der Gast ist ein Geschenk Gottes!"

Bei wichtigen Anlässen wie Hochzeit, Taufe oder Begräbnis sind oft mehrere hundert Gäste daran beteiligt. Die Georgier feiern gerne und ausgiebig. Vielleicht liegt hier die Antwort, warum Gäste in Georgien noch heute so willkommen sind.


Quelle: Die Macht des Wortes und der gute Wein - die georgische Tafelrunde

Dr. Levan Gvelesiani, Mitteilungsblatt der Berliner Georgische Gesellschaft e.V. 3/4 11. Jahrgang März/April 2002, Nummer 90




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