Jugendstil Architektur in Georgien

Jugendstilhaus im ehemals Deutschen Viertel Tbilissi
Jugendstil Wohnhaus 1903, im ehemals deutschen Viertel, Tbilissi

Malerische Winkel. Die Eisengitter vor den Fenstern der Bel-Etagen geschweift wie Leiern. Der Abend einer südlichen Stadt zieht herauf, Sterne, Duft aus Gärten, Konditoreien und Cafés.

Boris Pasternak, russischer Schriftsteller

In Georgien traf der Jugendstil, als Verbindung von Kunst und Leben, mitten ins Herz. Das alltägliche Leben war geprägt von Literatur, Poesie und Musik. Die georgischen Kirchen fügen sich harmonisch in die umgebenden Landschaft ein und florale Ornamente zierten die Fassaden der Kirchen und ebenso die Säulen des traditionellen Wohnhauses "Darbasi".

Auf einer Route der Seidenstraße gelegen, kam Georgien in Berührung mit den kulturellen Strömungen aus Persien, Rom und Griechenland. Nachdem im 15. Jahrhundert Konstantinopel an die Araber fiel, war Georgien dreihundert Jahre lang von Europa abgeschnitten. Erst durch die Verbindung mit Russland im 19. Jahrhundert fand Georgien den Anschluss wieder.

Verbreitung des Jugendstil in ganz Georgien

Als Anfang des 20. Jahrhunderts der europäische Stil des "Art Nouveau" (georgisch: "moderne Stil"), über das Schwarze Meer und Sankt Petersburg nach Georgien kam, wurde er von Architekten und Künstlern begeistert aufgenommen und vielfältig umgesetzt.

Innerhalb kürzester Zeit entstanden nicht nur in der Hauptstadt Tbilissi, sondern auch in den Hafenstädten Batumi, Sochumi, Kobuleti sowie in Kutaissi, Gori, und selbst in unbedeutenden Provinzstädtchen wie Duscheti und Gagra zahlreiche Jugendstilbauten. Der Stil des "Art Nouveau" wurde so populär, dass nicht nur neue Bauten in diesem Stil errichtet wurden, sondern oftmals auch Restaurationsarbeiten im Jugendstil ausgeführt wurden.

Jugendstil in allen Gesellschaftsschichten

Der Jugendstil erreichte alle Gesellschaftsschichten und wurde je nach Vermögen mit unterschiedlichen Baumaterialien realisiert. Großindustrielle ließen ihre Villen im Jugendstil errichten, Schulen, Theater und Kinohäuser wurden im Jugendstil erbaut, selbst einfache Handwerker und Bauern setzten Elemente des Jugendstil an ihren Wohnhäusern ein.

Der Jugendstil unter sowjetischer Regierung

Mit dem Einmarsch der Roten Armee 1921 wurde diese Entwicklung abrupt beendet. Das kommunistische Regime verurteilte die Kunstrichtung des Jugendstil als Element der Bourgoisie und entzog den Künstlern jede Möglichkeit zur Weiterentwicklung. Viele Gebäude wurden umgebaut und zwangssaniert. Der monumentale sowjetische Baustil dominierte bald das neue Stadtbild aller größeren Städte in Georgien.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der darauf folgenden erdrückenden Wirtschaftskrise hatte keiner mehr Zeit und Geld, sich um die alten Häuser zu kümmern, sie verfielen oder wurden so marrode, dass es heute vielfach unmöglich geworden ist, sie wieder herzurichten.

Tiflis besitzt mit seiner noch vorhandenen Menge und Vielfalt an Jugendstilobjekten Kulturgüter, die aus konservatorischer Sicht einen unschätzbaren Wert darstellen. Beispiele dieser Zeitepoche sind nur in wenigen europäischen Städten in solch komplexer Weise erhalten.

Wiener Werkstätte für Metallrestauration

Inzwischen stehen viele Häuser unter Denkmalschutz. 1993 wurde die Altstadt von Tbilisi für die Liste des UNESCO Weltkulturerbes angemeldet. Die winkeligen Gassen mit ihren typischen georgischen Holzbalkonen und Jugendstil Treppenaufgängen, Jugendstil-Türen und Fassaden laden zum Streunen ein und verzaubern den Besucher noch immer mit ihrem märchenhaften Charme.