Neue Architektur in Georgien

Autobahn-Raststätte bei Gori, Jürgen Mayer H. © Katrin Tevdorashvili

Und siehe da - irgendwo in der zweieinhalbten Welt hinter dem Tellerrand Europas entstehen auf einmal Dinge, von denen wir und unsere Bauherren etwas lernen sollten.

Kommentar auf BauNetz.de

Wer nach längerer Abwesenheit erneut durch Georgien reist, ist völlig überrascht über die einschneidenden Veränderungen im Stadtbild. Überall im Land entstehen neue, außergewöhnliche, oft provokante Gebäude in ultramodernem Design und unter Verwendung neuester Technik.

Georgien erlebt ein regelrechtes neues Goldenes Zeitalter der Architektur. Auch wenn selbst namhafte Zeitungen in Deutschland sich über die "Spektakel-Architektur" (Spiegel Online) mokkieren, und viele Menschen in Georgien den Kopf schütteln, so geht doch mit diesen Gebäuden ein Aufatmen durchs Land, ein Durchschnaufen nach der jahrelangen Düsternis und Stagnation.

Wer sich als ausländischer Besucher an Amtsgänge während der 90er Jahre erinnern kann, als man sich tagelang in lichtarmen Gebäuden durch regelrechte Labyrinthe schmutziger Gänge und winziger Zimmer hindurchzahlen musste, um überhaupt eine brauchbare Auskunft zu bekommen, der kann nicht anders als das neue Konzept zu begrüßen.

Offenheit und Transparenz

People change achitecture, architecture changes society.

Mikheil Macharadze, Brand-New Georgia 2.0

Als Micheil Saakaschwili 2003 Präsident von Georgien wurde, kündigte er an, das gesamte Verwaltungssystem in Georgien von Grund auf zu ändern. Im Rahmen einer großangelegten Polizeireform wurde die Hälfte des als korrupt verrufenen Polizeiapparates entlassen und durch neue Beamte ersetzt.

Grenzstationen, Polizeigebäude, Justizgebäude, alle öffentlichen Gebäude mit Schlüsselfunktionen, wo Menschen mit Verwaltung und Ordnungsstrukturen konfrontiert sind - wurden umgestaltet oder neugebaut und dabei komplett neu konzipiert.

Der Architektur kam hier in besonderem Maße eine Schlüsselrolle zu. Sie sollte zum einen funktional sein, um Verwaltungsabläufe zu optimieren, viel wichtiger aber ist ihre Aufgabe, ein sichtbarer und erlebbarer Ausdruck der gesellschaftlichen Veränderungen zu sein. Die Architektur soll aufrütteln und dazu beitragen, das verlorengegangene Vertrauen der Menschen in die staatlichen Strukturen wiederzugewinnen.

Moderne Architektur am Ende der Welt

Die Bergregion Swanetien galt lange als eine der unzugänglichsten Regionen des Landes. Ein neuer Flughafen sollte den Tourismus stärker fördern. Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. gestaltete in Mestia den Flughafen und dazu das Justizhaus und die Polizeistation. Ein gewagtes Großprojekt in einer zutiefst traditionell geprägtem Gesellschaft.

Ausgerechnet Georgien. In Mestia, einer entlegenen Stadt im Gebirge der Kaukasusrepublik, steht eines der gelungensten Beispiele, wie Polizeistationen aussehen können.

Volker Marquardt, Manager Magazin

Insgesamt wurden mehr als 80 neue Polizeistationen in Georgien gebaut. Gemeinsam ist allen die großzügige Verwendung von Glas und hellem Baumaterial, um den Eindruck von Leichtigkeit und Offenheit zu schaffen als Gegenentwurf zur Schwere der spätsowjetischen Monumentalbauten.

Wiederbelebung der alten Seidenstraße

Im Jahre 2009 beauftragte das georgische Verkehrsministerium J. Mayer H. mit dem Entwurf verschiedener Raststätten für die neue Autobahn, die als wichtige Transitstrecke zwischen Aserbaidschan und Türkei durch Georgien verläuft.

"Hieroglyphen aus Beton" titelte das online Magazin BauNetz und beschrieb damit treffend die fremdartigen Formen der neuen Bauwerke. Jürgen Mayer H. versucht bei seinen Objekten häufig, grafische Muster in dreidimensionale Strukturen zu übertragen und hat dies in Georgien eindrucksvoll demonstriert.

Die wuchtigen Betonelemente sorgen für kontroverse Diskussionen. Neben der Kritik an der Massigkeit der Bauwerke ist anerkennend zu sagen, dass die Architekten in diesem Fall eine gewagte aber durchaus angemessene Formsprache "irgendwo zwischen Architektur und Autodesign" (BauNetz) gefunden haben.

Georgien war natürlich eine Sondersituation. Es ist ein Transitland. Viele, die das Land durchqueren, sehen die Raststätte nur während der Durchfahrt von der Straße aus. Die Regierung hatte damals entschieden, dass die Gebäude in der Nähe der Autobahn, die vielleicht die einzigen sind, die man von diesem Land in Erinnerung behält, wirklich zu architektonischen Bauaufgaben werden sollen. Die Bauten gehören zur Modernisierung des Landes dazu.

Jürgen Mayer H., Interview

Kutaissi erhält einen eigenen Flughafen

2011 wurde in Westgeorgien, in Kutaissi ein neuer Flughafen eröffnet. Ihm kommt besondere Bedeutung zu, als Knotenpunkt der Neuen Seidenstraße und wurde vom Curbed Magazine zu den 13 schönsten Flughäfen der Welt gewählt. Sein Flugverkehrskontrollturm ist mit 350° Rundumschau und 58 Metern einer der schlankesten und elegantesten ATC Tower der Welt.

Der Entwurf stammt von Ben van Berkel/UN Studio (Amsterdam), zu dessen bekanntesten Projekten das Mercedes Benz Museum in Stuttgart zählt. Es sollten durch markante Elemente, wie das rote Eckteil der Fassade, ein starker Wiedererkennungswert geschaffen werden. In seiner Gesamtgestaltung wurde versucht, gleichermaßen den gehobenen Anspruch internationaler Reisenden gerecht zu werden wie auch den Bedürfnissen der Einheimischen.

Wir wollten einen einladenden, sicheren, transparenten und nutzerfreundlichen Flughafen entwickeln. [...] Sowohl der Moment des Abflugs, als auch des Wiederkommens werden durch große Spannweiten, freie Flächen und die hohen Decken der Terminalstruktur zelebriert. Sie reflektieren die Art und Weise, wie diese Motive in den großen Bahnhöfen der Vergangenheit zum Einsatz kamen.

Ben van Berkel über den Flughafen Kutaissi

Ähnlich war die Aufgabenstellung für den Checkpoint Sarpi an der Grenze zur Türkei. Der Entwurf stammt wieder vom Berliner Architektenbüro Jürgen Mayer H. und auch hier stand das Wohlgefühl beim Eintreten an vorderster Stelle.

We wanted to open the border as a place to go and meet – a welcoming sign for a country in dynamic transformation.

Jürgen Mayer H. über den Checkpoint Sarpi

Das Parlament von Kutaissi

2012 anlässlich zum 20. Jahrestag der georgischen Unabhängigkeit wurde das neue Landtagsgebäude von Kutaissi eröffnet. Kutaissi ist die zweitgrößte Stadt Georgiens und das kulturpolitische Zentrum Westgeorgiens. Mit dem Umzug des Parlaments sollte eine stärkere Einbindung Kutaissis ins politische Geschehen und ein Gegengewicht zum Ballungszentrum Tbilissi geschaffen werden. Das Hauptelement des neuen Gebäudes bildet eine riesige Kuppel aus Glas und Stahl, die gemeinsam mit dem japanischen Ingenieur Mamoru Kawaguchi entwickelt wurde und in dieser Art eine der größten Kuppeln der Welt ist. Sie überdeckt eine Fläche von 100m Breite und 150m Länge. Auch hier gibt es eine klare Botschaft: Das lichtdurchlässige und organische Erscheinungsbild soll die jüngsten Veränderungen in Georgien widerspiegeln, ein weiteres Symbol für Transparenz, Entwicklung und Stabilität. Entworfen wurde das Projekt vom spanischen Architektenbüro CMD Ingenieros (Alberto Domingo Cabo).

Die Public Service Halls von Georgien

Eine besondere Gruppe bilden die neuen Bürgerämter, die sogenannten "Public Service Halls". Hier werden auf Basis einer völlig neuen Verwaltungsstruktur in effizientester Weise die verschiedensten Anliegen bearbeitet. Landesweit gibt es etwa 20 solcher Bürgerämter, die alle zentral von der staatlichen "Public Service Hall" Agentur organisiert sind und in denen der Fokus auf Service-Dienstleistung und Kundenfreundlichkeit liegt. Im Hauptstandort Tbilissi werden bis zu 400 Dienstleistungen angeboten.

Hier wurde den Architekten viel Freiheit gewährt. Die sehr individuell umgesetzten Gebäude vermitteln in unterschiedlichster Weise Modernität, Bewegung und Transparenz. Das Design der Public Service Hall Tbilissi stammt vom italienischen Architektenpaar Massimiliano und Doriana Fuksas. Gläserne Würfel überdacht von großen, weichen Blütenblättern.

Das Neue Batumi

Die größten Projekte werden derzeit in Batumi realisiert. In nur wenigen Jahren haben hier nationale und internationale Architekten aus dem verschlafenen Hafenort eine glitzernde Touristenmetropole geschaffen. Öffentliche Gebäude, Hotels und Strandkaffees verbreiten den Flair von moderner, hipper Lebensweise.

Das Ende der National-Architektur?

Die neue Entwicklung hat bei der Bevölkerung viel Unmut erregt. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage erscheinen die Millionenbauten vielen zu voreilig. Kritische Stimmen bemängeln, dass man mit diesem Geld die historischen Häuser und Kirchen hätte restaurieren können. Besonders aber wurde kritisiert, dass viele der staatlichen Bauprojekte von internationalen Architekten realisiert wurden: Jürgen Mayer H. aus Berlin, Michele De Lucchi aus Italien, ebenso die Architekten Massimiliano und Doriana Fuksas, das UN Studio aus Amsterdam oder das spanischen Architektenbüro CMD Ingenieros.

Es gibt allerdings auch von georgischen Architekten zahlreiche spannende Projekte. Die Public Service Halls der Architectural Group & Partners, den weltcoolsten McDonald´s in Batumi von Giorgi Khmaladze, oder die Axis Towers in Tbilissi.

"Wilder Minimalismus" - Georgien im Aufbruchsgeist

Besondere Beachtung verdienen das Rooms Studio für Interior und Produktdesign und die danach benannten Rooms-Hotels im Bergort Stepanzminda (2012) und in der Altstadt von Tbilissi (2014). Unter dem Schlagwort "wild minimalism" entwickelten die Gründer und Designerinnen Nata Janberdize und Keti Toloraia einen völlig neuen Einrichtungsstil. Mit großem Erfolg, ihre Produkte werden international vertrieben und die Rooms Hotels entwickelten sich in kürzester Zeit zu den gefragtesten Unterkünften des Landes. In London soll demnächst ein drittes Roomshotel entstehen.

Sowjetisches Erbe wird zum Kult

2016 eröffnete das Kulturzentrum Fabrika in Tbilissi. Dafür wurde ein ehemaliges sowjetisches Fabrikgebäude von den Architekten George Sakvarelidze und Devi Kituashvili (Multiverse Architecture, MUA) komplett umgestaltet, zu einem hippen und ultragemütlichen Begegnungsort für junge Menschen, Künstler, Freigeister und Reisende.

In einzigartiger Weise verschmelzen hier verschiedene Kunst-, Architektur- und Design-Stile: Minimalismus, Sowjetische Betonbauweise, georgisches Laissez-faire und modernes Design. Zur Fabrika gehört ein Innenhof mit zahlreichen Cafés und Bars, Künstlerateliers, Werkstätten, Räume für künstlerische Veranstaltungen. Es gibt ein Restaurant mit georgisch-europäischer Küche und eine Bar. Außerdem zählt noch das Fabrika Hostel dazu, mit einfachen aber sehr kultig gestalteten Unterkünften. Kaum ein Reisebericht, der nicht begeistert darüber berichtet.

Let me tell you, that this is one of the most unique and cool hostels that I have ever stayed at!

Auszug aus dem Traveller Blog "The Wandering Quinn"