Sowjetische Architektur in Georgien

Ehemaliges Straßenabau Ministerium Tbilissi
Ehem. Ministerium für Straßenbau in Tbilissi, 1975. Architekten: George Tschachawa u. Zurab Dschalagonia © Ralph Hälbig

Der Begriff "Sowjetische Architektur" umfasst drei sehr unterschiedliche Architekturstile und Epochen: Der Sowjetische Konstruktivismus der 30er Jahre, der Sowjetische Klassizismus 1950-55 und schließlich die Sowjetische Moderne  ab 1970 bis 1990.

Sowjetischer Realismus - Stalinistischer Zuckerbäckerstil

Sowjetischer Realismus (Klassizismus) beschreibt die Architektur unter der Führung von Joseph Stalin, zwischen 1933 und 1955. Wegen der oft sehr üppigen Verzierungen und überbordend monumentalen Ausgestaltung ist sie auch als Stalinistischer "Zuckerbäckerstil" bekannt.

Die Architekten arbeiteten nach streng staatlichen Vorgaben für einen ganz bestimmten Zweck.

Im Rahmen der sowjetischen Rationalisierungspolitik wurden alle Städte nach einem allgemeinen Entwicklungsplan gebaut. Projekte wurden für ganze Bezirke entworfen und das architektonische Erscheinungsbild der Städte radikal verändert. Architektur war in dieser Zeit nicht mehr nur eine Sache der Ästhetik sondern eine Frage der Gesinnung.

Wenn die kommunistische Utopie ein Projekt zur Errichtung des allgemeinen Glücks war, dann musste die ideale Stadt die Ästhetik des Glücks erschaffen, deren Ausgestaltung davon abhing, wie sich die Erbauer dieser Utopie das Glück vorstellten. (...) Der Mensch der kommunistischen Zukunft sollte nicht in armseligen Hütten und Plattenbauten leben, sondern in prächtigen Palästen, von den schönsten Parks mit Brunnen und Skulpturen umgeben.

Artur Klinau, weißrussischer Künstler und Schriftsteller

Dieser Baustil fand mit dem Tod Stalins und der darauf folgenden Entstalinisierung (offiziell seit 1955) ein apruptes Ende. Es folgte eine Rückkehr zur Schlichtheit moderner Architektur.

Die Sowjetische Moderne

Die Sowjetische Moderne Architektur beschreibt die Architketur aus den Jahren 1955 bis 1991. Die Ursprünge liegen in den Werken des französischen Architekten Le Corbusier, der in den fünfziger Jahren die Grundlagen des sowjetischen Konstruktivismus in einem neuen, eigenen Baustil überarbeitete.

Zur Umsetzung kam es während des Chruschtschow-Tauwetters in der UdSSR, als Architketen aus Polen, Kuba und Ungarn einander erstmals begegnen und sich austauschen konnten. Die Internationalität der Moderne ist eine ihrer Hauptmerkmale.

Besonders spannend sind die Bauten der spätsowjetischen Phase von den 1970er Jahren bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, die in den Randregionen des riesigen Sowjeteiches entstanden: in Litauen, der Ukraine, Kasachstan und Tadschikistan, Armenien und Georgien.

Abgesehen von der relativ klar definierten Periode, gibt es keine genauen Kriterien für den Begriff “Sowjetische architektonische Moderne”. Eine wichtige Rolle bei der Identifizierung dieses Stils spielte der französische Fotograf Frédéric Chaubin, der auf seinen Reisen durch Länder der ehemaligen Sowjetunion eine Reihe von Gebäuden dokumentierte und dem sogenannten Brutalismus zuordnete.

Sowjetischer Brutalismus

Brutalismus beschreibt die Architektur zwischen 1960 und dem Anfang der 1980er-Jahre. Die Bezeichnung "Brutalismus" stammt vom französischen "béton brut" (roher Beton) und wurde erstmals von dem Architekten Le Corbusier geprägt.

Charakteristische Merkmale sind: Verwendung von Sichtbeton, Betonung der Konstruktion, simple geometrische Formen und meist sehr grobe Ausarbeitung und Gliederung der Gebäude.

Der "Sowjetische Brutalismus", hat eine ganz eigene Ästhetik, die sich nicht immer sogleich erschließt, aber auf jeden Fall einer genaueren Betrachtung wert ist. Lange als "hässliches" Erbe der Sowjetunion verachtet, erwachte in den letzten Jahren zunehmend das Interesse von Architekten und Kunsthistorikern an den komplexen und oft skurrilen Objekten:

Die radikale Ästhetik dieser Architektur steht im deutlichen Widerspruch zur etablierten "Staatsarchitektur". Anders als im Suprematismus der 20er oder dem sozialistischen Klassizismus der 50er Jahre zeigen diese Bauten keine einheitliche Formensprache. Vielmehr offenbart sich eine große Freiheit der Ausdrucksmittel, die weit über die jeweiligen Stilanleihen hinausgeht.

Thomas Reisner, deutscher Kunsthistoriker & Fotograf

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Besonderheiten der Sowjetischen Architektur

Während im klassischen "Brutalismus" die Betonung auf dem Rohbeton liegt, kommen in den Gebäuden der Sowjetischen Moderne vielfach auch Verkleidungsmaterialien (Marmor, Sandstein, Muschelkalk oder billigeres Ersatzmaterial) zum Einsatz.

Viele Gebäude sind inzwischen abgerissen oder von der Zerstörung bedroht. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, in Tbilissi, in der Industriestadt Rustawi sowie in den entfernteren Industriezentren Tschiatura, Tkibuli und Sestaponi die Gebäude und Industrieanlagen zu besichtigen, solange sie sich noch im Originalzustand befinden.

Ein weiteres Merkmal der sowjetischen Moderne ist schließlich die dekorative Gestaltung der Gebäude, besispielsweise durch Mosaike. Eine Besonderheit in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken, ganz besonders in Georgien, sind in diesem Zusammenhang die skurrilen Bushäuschen aus Beton mit teilweise aufwändigen Mosaiken in unterschiedlicher Technik.

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