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Georgische Märchen

Fresko in der Swetizchoweli Kathedrale
Meeresungeheuer, Fresko in der Swetizchoweli Kathedrale

Die georgischen Märchen zeugen von der Schöpferkraft und Phantasie, von den hohen moralischen Eigenschaften und der weiten didaktischen Sicht des georgischen Volkes, von seiner Kraft zu überleben, von seinem Glauben an das Gute und der Zuversicht auf den Sieg über seine Widersacher.

Heinz Fähnrich, deutscher Kaukasiologe, 1980

Georgien ist das Land der Märchen und Legenden, die Georgier selbst ein Volk, das für seine Erzählfreudigkeit berühmt ist. Noch heute ist es selbstverständlich, dass Großeltern ihren Enkeln Märchen erzählen, bekannte und selbst erfundene.

Märchen als Spiegel der Geschichte

Die überlieferten Märchen der Georgier sind ein Spiegel ihrer Geschichte; sie vermitteln ein Bild der Lebensumstände, der Vorstellungswelt und der Gesellschaftsstruktur. Einige feste Muster in den mündlichen Überlieferungen wurden zu markanten Kennzeichen der georgischen Märchen und unterscheiden sie von denen anderer Völker.

Die Georgischen Märchen sind in ihrer Mischung aus sehr realistischen Beschreibungen und Zauberhaftem nicht nur Zeugnisse der Phantasie, sondern auch der Sehnsucht nach einem glücklichen Leben und ihres Strebens nach Gerechtigkeit.

Folgende Einführung in das Thema Märchen aus Georgien wurde mit leichten Änderungen der Einleitung einer Märchensammlung (erschienen 1980) von Heinz Fähnrich und Heinz Mode entnommen.

Märchen als Bestandteil der Alltagskultur

Obwohl die erhalten gebliebene georgische Literatur auf eine tausendfünfhundert-jährige Geschichte zurückblicktMär, ist die Folklore erst recht spät belegt. Erstmals wurden im 17. Jahrhundert georgische Märchen aufgezeichnet, bis dahin war die Märchenkultur so lebendig, dass ebenso wie bei der Musik keine Notwendigkeit bestanden hat, sie zu konservieren.

Nationale Befreiungsbewegung und Widerstände

In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstand unter der Führung der nationalen Befreiungsbewegung gegen die Herrschaft des Zarismus eine Literaturströmung die sog. Tergdaleuli, wörtl. "die aus dem Tergi getrunken" haben. Das waren Schriftsteller, die den Grenzfluss nach Russland überschritten haben, die in Sankt Petersburg studiert und mit dem fortschrittlichen Gedankengut der europäischen Intelligenz in Berührung gekommen waren. Ihr gehörten Dichter und Schriftsteller wie Ilia Tschawtschawadse, Akaki Zereteli, Jakob Gogebaschwili, Rapiel Eristawi, Alexandre Kasbegi und Wascha Pschawela an, die in ihrem Ringen um die Wiedergeburt des georgischen Nationalbewusstseins den Volksmärchen besondere Aufmerksamkeit widmeten und sie in verschiedenen Zeitschriften abdruckten, wobei die Publikationen durch die zaristische Zensur stark eingeschränkt waren.

Es war Praxis des Zarismus, mit der Unterdrückung anderer Nationen auch deren Geistesschaffen und kulturelle Traditionen zu vernichten.

Heinz Fähnrich, deutscher Kaukasiologe

Ethische Erziehung durch Märchen

Wie überall auf der Welt spielen die georgischen Märchen eine wichtige Rolle für die ethische Erziehung der Kinder, wo Gerechtigkeitssinn und Rechtsempfinden geschult wurden.

Georgische Nationaldichter wie Akaki Zereteli und Washa Pschawela betonen, wie hoch sie Märchen schätzten, und welch nachhaltigen Eindruck diese in der Kindheit auf sie ausübten. So spiegelt die georgische Folklore die Geisteshaltung und das ästhetische Empfinden der Menschen wider und hat in dieser Weise die späteren Generationen geprägt.

"Ein Volk von Dichtern"

Nicht umsonst spricht man von den Georgiern als einem Volk von Dichtern. Bis heute ist nicht nur die Zahl der Schriftsteller in Georgien vergleichsweise sehr hoch, jeder Georgier kann Gedichte, Lieder oder Märchen auswendig und z.B. an einer Georgischen Tafel spontan vortragen.

Die Bedeutung der georgischen Volksdichtung geht allerdings weit über den ästhetischen Genuss hinaus. Jahrtausende währende Kämpfe gegen fremde Eroberer haben die Geschichte der Georgier geprägt, selten war den Menschen eine Epoche des Friedens vergönnt.

Gefahr des völligen Untergangs

Ständige Kämpfe gegen Urartäer, Kimmerer, Skythen, Perser, Römer, Chasaren, Araber, Byzantiner, Türken, Choresmier, Mongolen, Daghestaner und andere Eindringlinge führten nicht nur dazu, dass der georgische Krieger zum Symbol für Tapferkeit wurde, sondern die Überzahl der Feinde brachte die Georgier mehrmals in die Gefahr völliger Vernichtung und kultureller Überfremdung.

Die Besinnung auf die eigene Folklore und die klassische georgische Literatur waren in mehreren Epochen, zuletzt im 19. Jahrhundert gegen die zaristische Assimilierungspolitik, der Weg zur Wiederbelebung der nationalen Literatur, zur Wahrung ihrer Identität und zur Wiedergewinnung ihrer Eigenständigkeit.

Merkmale und Besonderheiten der georgischen Märchen

Die heute vorliegenden georgischen Märchensammlungen ermöglichen einen guten Einblick in den spezifischen Charakter der georgischen Märchenwelt. Im Unterschied zur übrigen georgischen Literatur wird im Märchen sehr stark symbolisiert, was auf das hohe Abstraktionsvermögen der Märchenbildner hinweist.

In der Mehrzahl der Märchen gibt es eine klare Gegenüberstellung von Gut und Böse, mit dem Sieg des Guten am Ende. Der Ausgang des Märchens ist stets optimistisch, doch wird dieser Schluss erst nach Durchlaufen großer Gefahren erreicht.

Die magische Zahl 9

Der Symbolgehalt georgischer Märchen geht an vielen Stellen in Zahlenmagie über. So hat neben den Zahlen 3, 7 und 12 die Zahl 9 offensichtlich eine ganz besondere Bedeutung:

  • Hinter neun Bergen lebt ein neunköpfiges Ungeheuer
  • die Sonne sieht mit neun Augen vom Himmel herab
  • hinter neun Schlössern hält der König seine einzige Tochter verborgen
  • ein Jüngling bittet um eine Frist von neun Monaten, neun Tagen und neun Stunden
  • neun Brüder
  • ein Herrscher hat neun Söhne
  • neun Jahre lang hat eine Frau ihrem Mann nicht widersprochen
  • ein gefangener Vogel wird mit neun Sattelriemen am Pferd festgebunden
  • ein Pferd wird in neun Büffelhäute gehüllt.

Dass solche Zahlenweisheiten bis in die heutige Zeit hinein verankert sind, konnte man noch bis in die heutige Zeit in den georgischen Gebirgsgegenden Swanetien und Tuschetien beobachten, wo z.B. an Kultstätten "Neun Kwri" (besondere Art Brötchen) gebacken und geopfert wurden.

Abstrakte Ortsangaben

Typisch für das georgische Märchengut ist auch die abstrakte Toponymik. Konkrete Toponyme wurden vermieden. So spielt sich die Handlung hinter neun Bergen ab, der Jäger reitet über freies Feld, er jagt auf dem roten, dem schwarzen, dem weißen Berg. Dennoch lassen sich aus diesen Aussagen Angaben über die reale Umwelt gewinnen.

Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß die Vorfahren der Georgier kein Volk waren, das in endlosen, ebenen Steppengebieten nomadisierte, sondern vielmehr in gebirgiger Landschaft mit hohen Gipfeln siedelte.

Anonymität der Helden

Ebenso abstrakt wie die Toponymik ist auch die georgische Anthroponymik. Oft tragen die Märchengestalten keine Namen, sie bleiben anonym.

Werden ihnen dennoch Namen gegeben, so werden diese aus der Tierwelt hergeleitet, wie Mgela (mgeli = Wolf), Irmisa (iremi = Hirsch), Wepchwia (wepchwi = Panther), Pozchwera (pozchweri = Luchs), Datua (datwi = Bär) und Charika (chari = Stier), oder mit Naturerscheinungen in Verbindung gebracht, wie Msekala (Sonnenfrau) beziehungsweise aus Alltagsbeobachtungen abgeleitet, wie Sismara (Träumer) und Nazarkekia (Aschenscharrer).

Magische Märchenformeln

Die meisten Märchen beginnen mit einem immergleichen Vers, etwa in folgender Art:

Es war und war auch nicht,
was gäbe es wohl besseres als Gott.
Es war eine singende Drossel,
barmherzig ist unser Gott.
Gott sei Ruhm, uns sei der Frieden
Gott ist groß, der Mensch ist klein.

iko da ara iko ra, kwtis uketesi ra ikneboda.iko sasrwi mgalobeli, rmerti tschweni mzralobeli.
rmerts dideba,schwen mschwidoba, kmerti marali, kazi dabali.

Es handelt sich um eine Art rhytmischen Singsangs, wie ein Kinderreim oder ein Gebet. Dieser zeugt in seiner Verbreitung von hoher künstlerischer Verallgemeinerung und ist als Ergebnis eines langen Entwicklungsweges des georgischen Märchens zu werten.

Charakteristische Märchenmotive

Manche der vorkommenden Motive sind auch aus Märchen anderer Völker bekannt. Da sie aber in den georgischen Märchen immer wiederkehren und offenbar fest darin verankert sind, können sie auch als charakteristische georgische Märchenmotive betrachtet werden:

Das Motiv der Seelensuche ("Irmisa", "Das zwölfköpfige Ungeheuer", "Der Bettler und das Tuch"), das Motiv der Verwandlung, der Tiergebeine, das Motiv des Angriffs auf die Sonne und der Reise zur Sonne, das Motiv der Spaltung einer Frau und das des tagsüber toten, nachts aber zum Leben erwachenden Jünglings.

Das Motiv des Jägers

In auffällig vielen georgischen Märchen taucht das Motiv des Jagens bzw. des Jägers auf.
Der Jäger ist in georgischen Märchen ein guter Mensch, ein  erfolgreicher Schütze und  mutiger Kämpfer, dessen Leben durch Jagdabenteuer schicksalhaft beeinflusst wird.

Dabei spielt häufig das Wild eine Zauberrolle (der Jäger trifft nicht und muss sterben; der Jäger erlegt das Tier und gewinnt großen Reichtum, der ihn aber in Gefahr bringt; der Jäger findet eine Hirschkuh, die ein Menschenkind aufgezogen hat).

Mit List, nicht Tücke, gegen die Gefahren der Welt

Die bekanntesten Märchengestalten: Komble, Chutkuntschula und Nazarkekia, haben ihr eigenes unverwechselbares Gesicht, und doch verbindet sie mancherlei. Alle drei sind einfache Menschen, der eine fleißig, der andere faul, aber alle wissen sich, wenn sie in Gefahr geraten, durch Menschen oder Riesen ins Verderben gestürzt zu werden, geschickt zu befreien.

Ihre List ist nicht Tücke, sondern der Schutz kluger Menschen. Selbst die unglaublichsten Momente eigener Schwäche verwandelt der gewitzte Nazarkekia schlagfertig in überzeugende Beweise seiner Kraft, bis die starken Riesen das Weite suchen.

Die "Dewi" - Riesen und Unholde

Die georgischen Märchen sind bevölkert von Unholden, Ungeheuern und Riesen, mit denen sich der Held auseinandersetzen muss. Diese Wesen, denen die Georgier den Namen "Dewi" gegeben haben, verfügen über ungeheure Kräfte, sind groß, ungeschlacht und tragen bisweilen mehrere Köpfe, oder andere Verunstaltungen.

Im allgemeinen zeigen sie sich als Menschenfresser und Verkörperung des Bösen, trachten dem Märchenhelden nach dem Leben und müssen von ihm bezwungen werden. Dies wiederum erweist sich als eine schwierige Aufgabe, da jene Ungeheuer und Riesen eine Seele haben, deren Aufenthaltsort ein Geheimnis ist, das der Held nur mit Hilfe einer Frau dem Unhold entlocken kann.

Hat der Held die Seele des Dewi in seine Gewalt gebracht, so erlischt die Macht des Bösen, er muss sterben.

Die Drachen

Wie die Riesen und Ungeheuer bilden auch die Drachen einen untrennbaren Bestandteil  der  georgischen Märchenwelt. Als mächtiges Sinnbild des Bösen, das nicht leicht zu bezwingen ist, besitzt er oft mehrere Feuer speiende Köpfe. Wenn der Drache seinen gewaltigen Rachen aufreißt, kann er sogar die Sonne verschlingen. Er kann sich in die Luft erheben und fliegen, und seine Grausamkeit kommt darin zum Ausdruck, dass er sich der Quellen und Wasserstellen bemächtigt. Den Menschen gewährt er nur die Wasserentnahme, wenn ihm Menschenopfer dargebracht werden.

Die "Khadschi" - böse Geister

Negative Märchengestalten sind auch die bösen Geister (Kadshi), die menschenähnlichen Wuchs, aber ein grausiges Aussehen haben. Sie können zaubern, sich unsichtbar machen und sind den Menschen feindlich gesonnen. Begegnen sie einem Menschen, so suchen sie ihn ins Verderben zu stürzen oder um den Verstand zu bringen. Ihre Klugheit und geheimnisvolle Zauberkraft birgt für den Helden des Märchens so viel Gefahr, dass er sich nur mit List retten kann.

Himmel und Unterwelt

Zu der natürlichen Umgebung treten als Handlungsorte auch der Himmel und die Unterwelt hinzu. Die Reise zum Himmel fällt dem Helden nicht leicht, aber er bewältigt sie dennoch, gelangt in das Reich der Sonne, wo er wie auf der Erde handelt. Der Himmel ist der Erde ähnlich, hier gibt es ein Haus mit einem Garten, in dem die Sonne wohnt, auch hier leben Menschen und Tiere.

Noch irdischer als den Himmel stellt sich der Georgier im Märchen die Unterwelt vor. Dort leben Menschen in Dörfern, Städten und Königreichen wie auf der Erde, es bestehen dieselben sozialen Beziehungen wie auf der Erde, ja es scheint sogar die Sonne, nur viel matter.

Die Unterwelt ist der Schauplatz von Kämpfen mit grausamen Drachen, die auch hier den Menschen das Wasser verwehren, wenn sie nicht mit Jünglingen und Jungfrauen gespeist werden. Dem Sieg über das Böse folgt der Aufstieg des Siegers ans Tageslicht wie der Lohn für eine gute Tat.

Märchen als Spiegel der inneren Geisteshaltung

Die georgischen Märchen legen nicht nur Zeugnis für die reiche Phantasie und Erzählfreudigkeit des Volke; ab, um in diesem Sinne persönlichen Wünschen der Menschen Ausdruck zu verleihen, sondern sie entsprechen vor allem auch gesellschaftlichen Interessen. Klassenunterschiede und soziale Kämpfe finden in ihnen recht klaren Ausdruck, und die Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der Herrschenden und die Unterdrückung durch die Mächtigen ist in vielen Märchen Hauptteil der Handlung.

Märchen, die so klar gesellschaftliche Anliegen zum Ausdruck bringen, sind meist spät entstanden. 

Die Bestrafung des grausamen, habgierigen Herrschers und seine Ablösung durch einen Sohn des Volkes ist in vielen Märchen eine intuitiv ersehnte Vorwegnahme notwendiger gesellschaftlicher Umwälzungen. Wenn diese Veränderungen auch auf die Führung des Staates beschränkt bleiben und sich im gesamten Klassengefüge nichts ändert, so ist doch die mit märchenspezifischen Mitteln angestrebte Machtübernahme durch einen Vertreter des Volkes als Teil geistiger Wegbereitung künftiger umfassenderer Wandlungen zu verstehen.

Heinz Fähnrich

Quelle: Georgische Märchen, Heinz Fähnrich, Insel Verlag 1980

Zahlreiche Sammlungen georgischer Märchen und Sagen gibt es inzwischen auch in deutscher Übersetzung:

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