Die letzten Krieger von Chewsuretien

Reisebericht | Chewsuretien Trekking 7 Tage

Tbilissi -

Chewsuretien Trekking
Landschaft in Chewsuretien © Katrin Tevdorashvili

Wir fahren von Tbilissi über den Bärenkreuzpass nach Schatili, einem der abgelegendsten Orte Georgiens. Es ist offroad und uneben. Wir schunkeln leise und die Beliebtheit der Plätze an der sicheren Berghangseite steigt mit jedem Höhenmeter. Es hat geregnet und der ganze Hang wirkt lebendig, überall rieselt und kullert es und die Straßenbagger haben alle Schaufeln voll zu tun, die Straße wieder ausreichend zu befestigen, so dass eine Art von Zweispurigkeit entsteht. Wir stehen und warten.

Während die Einen sich mit ihren Kameras auf Augenhöhe zu den endemischen Felsenglockenblumen begeben, fotografieren die Anderen das synchrone Spiel der Bergbagger und fragen sich, wie man diesen gigantischen Erdmassen jemals Herr werden soll.

Und dann geht die Fahrt weiter, in sanften Serpentinen abwärts und der Blick öffnet sich himmelhochjauchzend ins wunderschöne Pirikita Chewsuretien, dem sogenannten „Jenseits“. Überall dort, wo die Sonnenstrahlen zwischen den tiefhängenden Wolken hindurch auf die Berge treffen, leuchten die Hänge in einem überirdischen hellgrün, und das ganze Gebirge scheint, wie von einem weichen, besonders feinen Samt überzogen.

Am späten Nachmittag erreichen wir unsere Unterkunft am Ufer des Arghuni Flusses, mit direktem Blick auf die dicht zusammen gedrängten Türme der legendären Schatili Festung.

Blick auf die Schatili Festung © Katrin Tevdorashvili

Der Pfad, den ihr hier seht - erzählt uns Reiseleiter Davit - der diente nicht den Bewohnern der Siedlung, der war nur fürs heimkehrende Vieh. Die Bewohner betraten und verließen die Festung wie die Ninjas über ihre Dächer. Das möchte man auch glauben, so unfassbar selbstbewusst reckt sich die Siedlung in die Höhe. Alles Schiefer-Trockenbau. Beim Bau, so heißt es, haben die Berggeister geholfen, auch das glauben wir sofort.

Zunächst aber seufzen wir dankbar auf, denn die guten Geister aus der Küche reichen uns die Rindfleischsuppe: heiß und kräftig und gewürzt mit allen guten Kräutern der Region. Chewsuretien, hier wollen wir erst mal bleiben.

Es ist inzwischen 22.00 Uhr und um uns absolute Dunkelheit. Keine Straßenlaterne oder Leuchtreklame oder überhaupt ein müdes Licht, denn grade trifft uns der Stromausfall.

Doch wir sind Krieger! Mit diesen Worten heben wir das Glas, bereits zum vierten Mal. Das kleine Guesthouse im Wohnturm hat eine Menge Bier im Angebot, wir nehmen von jeder Sorte eines und testen durch. Am meisten hat es uns das Aragveli angetan, mit einem knurrigen Krieger vorne drauf. Genauso stellen wir uns vor, hat man hier gelebt und so wollen wir das auch. Leben und sterben im wilden Kaukasus. Denn ohne Strom kein Internet, und ohne Internet kein Selfie – wenn das kein Grund zum Sterben ist. Bis dahin öffnet sich mit leichtem Zisch das nächste Bier. Das vom georgischen Rugbyteam promotete Aisi. Wer nennt sein Bier Aisi?

Noch besser, so stellt sich dann heraus, schmeckt uns die allerneuste Sorte Kayaki. Hiervon bestellen wir auch gleich nochmal eine Runde, diesmal für alle Krieger ausreichend, um dann im Stockdunkeln den schmalen Kuhpfad hinunter zu stolpern, auf der Brücke ohne Geländer vor unterdrücktem Gelächter fast in den Fluss zu fallen, per Du und verbrüdert und bereit zu neuen Taten.

Wachturm der Muzo Festung © Katrin Tevdorashvili

Wir wandern heute knapp fünfzehn Kilometer flussaufwärts nach Muzo, einem Dorf bestehend aus einigen wenigen verbliebenen Baracken. Spannendes Ausflugsziel ist die hundertfünftzig Meter oberhalb des Flusses hängende Muzo Festung.

Die ehemalige Verteidigungsanlage zählt seit Jahren zu den bedrohtesten Denkmälern Georgiens. Ihre Türme waren so verfallen, dass die Beschreibung Ruine schon eine Schmeichelei war. Ein Teil der Türme wurde restauriert und das ermöglicht einen ungefähren Eindruck ihrer einstigen Bedeutung. Aus heutiger Sicht scheint es unfassbar, wie bei den damaligen technischen Bedingungen eine Festung solcher Größenordnung und Massivität in dieser unwegsamen Höhe überhaupt errichtet werden konnte.

Der Pfad führt gefühlt senkrecht die hundertfünfzig Meter steil in die Höhe, es geht bei jeder Kurve gefährlich weit in den Abgrund, und ein Geländer gibt es nicht. Diese Festung zu erobern scheint ähnlich wie die Nordseite der Matthisburg aus Ronja Räubertochter - nahezu unmöglich.

Es waren dann auch die Natur und Zeit, die diesem abgelegenen Ort am meisten abgerungen haben. Heute sind mannshohe Glockenblumen und allerlei Beerengesträuch die Herren der Festung. Auf dem höchsten Punkt angelangt, sinken wir erst mal ins Gras und genießen den Frieden, die Höhe und die Unbezwingbarkeit. Krieger sein ist etwas Wunderbares!

Am nächsten Tag heißt es schon Abschied nehmen vom jenseitigen Chewsuretien, denn heute geht es Diesseits. Zurück über den Bärenkreuzpass, der sich wieder recht aufmüpfig beträgt, die Baggerriesen kämpfen um jeden Zentimeter, und als wir schließlich ins Tal hinabrollen schlagen alle Krieger heimlich ein kleines Kreuz.

Idyllisches Bergdorf Roschka © Katrin Tevdorashvili

Das nächste Ziel ist Roschka, ein kleines Bergdorf, ebenso abseits wie idyllisch gelegen – die Suche nach der richtigen Abzweigung gleicht einer Schnitzeljagt. Zweimal fahren wir die Straße hoch und wieder runter, bis wir „wo führt denn dieser verrückte Pfad hin??“ als die richtige Abzweigung erkennen und tapfer ins Dickicht eintauchen. Es geht eine ganze Weile mehr hoch als vorwärts und schlängelt sich dann schließlich einen Berghang entlang bis sich vor uns, wie ein Teppich, die sanften Weiten des Roschka Tals entfalten.

Hier treffen wir auf Batschana mit seinen Pferden. Batschana sieht ein bisschen aus wie ein tschetschenischer Rebell und empfängt uns erst mal mit einem Schwall entrüsteter Ausrufe. Das Gepäck ist zuviel, zuviel für seine Pferde, die für ihn, wie wir noch feststellen werden, mehr Familienmitglieder als Lastenträger sind. Erst nachdem wir das „zuviele“ Gepäck redlich auf Mitarbeiter und Teilnehmer verteilt haben, kann es losgehen, in eine so zauberhafte Weite, dass es schwer in Worte zu fassen ist.

Das Tal ist grün, grün, so grün, als wäre Grün hier geboren. Die Landschaft ist gleichermaßen wild und von unglaublicher Sanftheit, großartig und beschützend, es ist wie Heimkehren in den mütterlichen Schoß allen Ursprungs.

Wanderung von Roschka zum Tschauchi Massiv © Katrin Tevdorashvili

Der Pfad führt durch niedrige Wiesen und schlängelt sich immer leicht ansteigend dem Tschauchi Berg entgegen, einem markanten Felsmassiv, das schon vom Bärenkreuzpass aus sichtbar, am Ende des Tals steil aufragt, ein unerbittlicher, eherner Wächter – da wollen wir hinüber.

Unser Lagerplatz liegt inmitten eines Rhododendron Feldes. Im Juni ist hier alles weiß, jetzt schützen uns die Zweige vor der Feuchtigkeit. Direkt vor uns erhebt sich der Berg ins Endlose. Wir schauen in den abendlichen Himmel, die Wolken umschmeicheln die Gipfel und im Licht der weichen Wolkenmassen sieht man winzig kleine Wesen tanzen ???!! Wir stehen und staunen, blinzeln und schauen nochmal – nein keine Engel. Es sind Wanderer, Krieger wie wir, die gerade den Pass überquert haben und aus den himmlischen Höhen zu uns herniedersteigen.

Abudelauri See im letzten Abendlicht © Katrin Tevdorashvili

Es ist noch nicht zu spät und wir steigen zu den Abudelauri Seen auf, dem eigentlichen Ziel der heutigen Wanderung. Vom großen Abudelauri See gibt es viele Bilder und Beschreibungen, aber was uns hier erwartet, raubt uns allen den Atem. Der sogenannte "blaue" Abudelauri See ist mit Sicherheit der schönste Bergsee Georgiens. Ein Juwel von besonderer Einzigartigkeit, eingerahmt in die wogenden Hügel der einstigen Vulkanlandschaft, unter dem wachsamen Blick des Tschauchi Maestros in eigener Person.

Der Abudelauri See ist glasklar und tiefblau und man möchte alles hinschmeißen und einfach nur eintauchen in diese Perfektion an Wasser und Farbe und Schönheit. Das Nächste, was wir hören, ist ein schriller Aufschrei, UNSER Aufschrei, denn das Wasser ist so grausam kalt, dass wir fürchten, beim nächsten Schwimmzug fest zu frieren. Wir kreischen und strampeln, um nicht zu erfrieren, halten durch, bis auch jeder mindestens ein Beweisfoto hat und ziehen uns dann schnellstmöglich wieder an Land, um uns zitternd und steifgefroren den letzten Abendsonnenstrahlen entgegen zu recken.

Selten ist eine heiße Suppe mit größerer Dankbarkeit entgegengenommen worden und der drauf folgende Bergschnaps ist die Krone der Seligkeit. Wir lauschen im Dunkeln den Geschichten von den berühmten Kabardiner Pferden, von denen eins sogar auf dem Elbrus gestanden haben soll und deren Nachfahre als Silhouette gegenüber auf dem Hügel grast. Und dann trinken wir auf unsere Pferde, seinen stolzen Besitzer und die bevorstehende Tour. Krieger, wir sind unschlagbar!

Morgenstimmung am Zeltplatz © Katrin Tevdorashvili

Es ist noch nebeliger Morgen und der Kaffee fühlt sich fast zu gut an, um ihn zu trinken. Da kommt auch schon die erste Wandergruppe (elfmal fröhliches Servus - ich mag die Österreicher) an uns vorüber, die ebenfalls den Pass zum Ziel erkoren hat.

Mit leichtem Unbehagen beobachten wir, wie aus den grad noch gleichgestellten Wanderleuten in Kürze Bergziegen, Ameisen und schließlich mikroskopische Amöben werden, bevor sie in den Wolken verschwinden.

Inzwischen sind unsere Zelte getrocknet, zusammengepackt und auf die Pferde verteilt (inklusive Zuvielgepäck) und jetzt gehts los.

Fürs Zaudern bleibt nicht viel Zeit, denn es geht einfach senkrecht hoch. Aufstieg, pro Schritt ein Stück Höhenmeter, da wird niemandem etwas geschenkt, da müssen alle durch. Und so schnaufen wir aufwärts und mit der Höhe und der Atemlosigkeit kommt gleichzeitig die Begeisterung, über so viel Weite und seltene Bergfels-Blumen und Gipfelpracht und der Abudelauri See plötzlich schon so tief unter uns und das Tal und überhaupt die ganze Welt mit ihren Sorgen und Unnötigkeiten so herrlich weit weg und vor uns einfach nur Fels und Höhe und Sonnenlicht.

Und nach kaum drei Stunden stehen wir auch schon auf dem Pass und genießen das großartige Gebirge und strahlen uns an und hüpfen und wissen: Wir sind echte Krieger und beglückwünschen uns zum guten Teamgeist, der uns alle gemeinsam bis hier hoch getragen hat. Erst beim Selfie fällt uns auf, dass wir unseren Guide vermissen.

Mittagspause auf dem Tschauchi Pass © Katrin Tevdorashvili

Ein kurzer Schreck, dann sehn wir ihn schon kommen. Er hatte in weiser Erfahrung die Strecke durch gelegentliche Zigarette in vernünftige Etappen unterteilt.

Der Abstieg ist noch um ein Vielfaches herrlicher, ein schmaler Pfad, nicht allzu steil, die Landschaft wird mit jedem Schritt lieblicher und einladender und dann erreichen wir das Snotal und die Blumen schenken sich dir alle hin.

Als wir im Talbecken einen kleinen Gletschersee passieren, hält uns nichts mehr und wir stürzen uns nur so hinein, ungeachtet seiner Kälte. Am Abend am Zeltplatz erzählt man sich dann Heldengeschichten: Da hat Einer wohl drei Krieger gesehen, die haben im eisigen Gletschersee gebadet. Wir schauen uns verstohlen an und lächeln still.

Gergeti Kloster und Kasbek im ersten Morgenlicht © Katrin Tevdorashvili

Die letzte Tour wird in die Historie der Krieger Einzug halten, doch davon ahnen wir noch nichts. Wir frühstücken Spiegelei und fingerdicke Salami und Kartoffeln und fühlen uns verdächtig schwer, als wir mit dem Auto zum Startpunkt der Wanderung rollen.

Entgegen der lieblichen Beschreibung im Programm geht es mit gewohnter Unerbittlichkeit hinauf. Höhenmeter sind im Großen Kaukasus keine Mangelware und werden großzügig eingesetzt. Unser Ziel ist die kürzlich eröffnete Skihütte Altihut am Gergeti Gletscher irgendwo hinter dem Saberze Pass, von dem wir nicht so genau wissen, wo er ist und wie viel dahinter sich die gepriesene Hütte befindet.

Wir lassen das Gergeti Kloster mit seinem verheißungsvollen Café rechts liegen und steigen weiter auf. Der Kasbek, demwegen wir die Mühe auf uns nehmen, zeigt sich über alle Maßen scheu, mehr Wolken als Gipfel, da hilft kein Bitten und Flehen. Je höher wir aufsteigen, desto entfernter das Gergeti Kloster mit seinem Café und desto näher die drohende Regenwolke, die nur darauf lauert, dass wir dem Pass zu nahe kommen.

Schließlich rasten wir erschöpft am steilsten Stück, wir sehen nur sinnlos steile Felswand, darüber die dicke Regenwolke und dann kommt ein Wandertrupp von oben und hebt grüßend den Daumen, „Super, ein Viertel habt ihr schon geschafft!“ Ein Viertel?? What???!! Als es schließlich zu regnen beginnt, ist die Stimmung bei Null und die Motivation im Eimer. Mit wehmütigem Blick auf die bereits geschafften Höhenmeter und den undurchdringlichen Regenschleier über uns, raffen wir die Regencapes und steigen wieder abwärts.

Abstieg vom Gergeti Gletscher © Katrin Tevdorashvili

Du meine Güte, das alles haben wir geschafft, da können wir schon stolz sein, jeder Schritt ein rückwirkender Triumpf. Nach etwa zweihundertfünfzig Höhenmetern kommt uns ein Pferdetrek entgegen, Gepäcktransport für Bergsteiger.

Und hier die niederschmetternde Erkenntnis: Ihr wart doch schon fast da. Da wären es keine fünfzig Höhenmeter zum Pass und zwanzig Minuten zum Bergcafé gewesen. Wie kann man so bescheuert sein!? Mit leisem Lächeln kommt die Sonne hinterm Berg hervor. Wir schälen uns aus den Regenjacken, schauen verdutzt in den plötzlich blauen Himmel und fragen uns zum letzten Mal: Sind wir keine Krieger? Und laufen wieder los, und zwar nach oben und diesmal richtig, egal wie hart es werden soll.

Und eine Stunde später sitzen wir dann in der Altihut auf bunten Stühlen, bei Kaffee, Schokokeks und einem schottischen Highland Whiskey. Den haben wir uns echt verdient, denn so highland ist in Schottland noch keiner gewesen.

Dieser Reisebericht entstand auf einer GEORGIA-INSIGHT Trekkingreise, die sowohl als Privatreise als auch zum Festtermin (Termine folgen in Kürze) gebucht werden kann.

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Kommentar von Georg |

Ein Bericht mit Bildern die neugierig machen auf mehr und einem einzigartigen und unverwechselbarem Textstil.
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