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Die georgische Literatur

Shota Rustaveli Statue vor der Nationalbibliothek Georgien
Schota Rustaweli, georgischer Nationaldichter aus dem 12. Jahrhundert

Die georgische Literatur zählt zu den größten, reichsten und am besten entwickelten Literaturen der Welt.

Heinz Fähnrich, deutscher Kaukasiologe, 1981

In einem Volk mit weniger als vier Millionen Sprechern, wird man kaum eine bedeutende literarische Tradition vermuten. Es ist umso erstaunlicher, dass die georgische Literatur zu den reichsten, und ausgereiftesten der Erde zählt (vergl. Prof. Donald Rayfield, "Fünfzehnhundert Jahre georgische Literatur").

Trotz der zahlreichen verheerenden Kriege - Tbilissi wurde dabei vierzig mal vollständig zerstört - haben sich Tausende Handschriften erhalten. In Europa ist die georgische Literatur noch immer weitgehend unbekannt. Es gibt sehr wenig deutsche Übersetzungen georgischer Bücher und die wirtschaftlich schwierige Lage der vergangenen Jahrzehnte haben die Herausgabe neuer Werke erschwert.

In diesem Zusammenhang muss allerdings daran erinnert werden, dass auch Shakespeares Englisch nicht von mehr als vier Millionen Menschen gesprochen wurde.

Donald Rayfield, Professor für Russisch und Georgisch, Universität London

Die georgische Literatur ist reich an eigenen Werken und Übersetzungen, es existieren noch mehr als 30.000 georgische Handschriften darunter Übersetzungen, deren griechische Originale bereits verloren gegangen sind. Die erste Druckerei in georgischer Sprache entstand in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts in Italien.

Das älteste uns erhalten gebliebene Literaturwerk in georgischer Sprache, eine Novelle aus dem 5. Jh., weist bereits einen so hohen Grad an stilistischer und sprachlicher Vollkommenheit auf, dass man von einer literarischen Tradition ausgeht.

Die Georgier sind leidenschaftliche Leser, jeder Haushalt ist im Besitz einer großen Anzahl Bücher, sowohl eigener Schriftsteller als auch einer beträchtlichen Auswahl internationaler Literatur. Jedes noch so kleine Dorf verfügt über eine Bibliothek mit oft bis zur Unkenntlichkeit zerlesenen Werken: Thomas Mann, Mark Twain, und sogar Übersetzungen der Edda.

"Jeder Bauer in Georgien hat Bücher, die er liest und liebt und auswendig kann. Die Georgier lieben Gedichte. Ich kann mich nicht erinnern, bei einem deutschen oder österreichischen Bauern prall gefüllte Bücherregale gesehen zu haben, mit Werken der Weltliteratur."

Clemens Eich, österreichischer Schriftsteller, 1996

Dass im deutschen Sprachraum noch immer kaum jemand georgische Dichter kennt, liegt zum einen an der fehlenden Sprachkompetenz von beiden Seiten, zum anderen an der Schwierigkeit der Übertragung der besonderen Rhythmik und Lautmalerei, die einen wesentlichen Anteil der Qualität auch bei Prosatexten ausmachen, ähnlich wie man es aus dem Arabischen kennt.

Weltruhm erlangte das gewaltige Epos "Der Recke im Tigerfell" von Schota Rustaweli (1172-1216), eine in Form und Thematik beispiellose Synthese persischer und europäischer Poesie. Das Werk zählt zu den Meisterwerken der Weltliteratur und beeinflusste sogar die italienische Renaissance.

Georgische Literatur unter russischer Herrschaft

In den Jahren der russischen Oberhoheit (1801-1917) hatten die Georgier massiv gegen die Unterdrückung ihrer Sprache zu kämpfen. Im Zuge der Russifizierung wurde Georgisch als Verwaltungs- und Kirchensprache abgeschafft. Die Veröffentlichung georgischer Zeitungen und Bücher war stark beschränkt. Selbst der Begriff "Georgien" wurde durch die Bezeichnung "Gouvernement von Tiflis" und "Kutaissi" ersetzt.

In den Schulen war die Muttersprache verboten, auch in den Pausen. Die Kinder bekamen für jedes georgische Wort auf die Finger geschlagen und nur die tiefe Verbundenheit der Georgier zu ihrer Literatur, deren mündliche Pflege fest im täglichen Leben verankert war, hat die Sprache vor dem Aussterben bewahrt. Mehr noch, gerade aus dieser Generation sind Dichter hervorgegangen, deren literarisches Erbe maßgeblich zur kulturellen Identität der Georgier beitragen sollte.

Die bekanntesten unter ihnen, Akaki Zereteli (1840-1915), Ilja Tschawtschawadse (1837-1907) und Wascha Pschawela (1868-1915) zählen noch heute zu den beliebtesten Autoren, aus deren Werken jeder Georgier auswendig rezitieren kann.

Unter ihrem Einfluss entwickelte sich Georgien zur Oase des freien intellektuellen und künstlerischen Lebens. Verbannte Dekabristen aus Sankt Petersburg wurden von der georgischen Oberschicht ebenso begeistert aufgenommen wie später Exilautoren aus Moskau.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein reger Austausch zwischen Georgien und Westeuropa statt. Viele Georgier wie Grigol Robakidse (1882-1962) oder Konstantin Gamsachurdia (1893-1975), der Vater des zukünftigen ersten Präsidenten, studierten in Deutschland, Österreich und der Schweiz und kamen dort in Kontakt mit deutschen Schriftstellern wie Stefan Zweig und Thomas Mann.

Verschiedene Literaturbewegungen entstanden, wie die avantgardistische Schriftstellergruppe "Tsisperi Kantsebi" (Blaue Hörner) und wurden zur treibenden Kraft des intellektuellen Lebens im Kaukasus:

Die hohe Kultur der Gebildeten, ihr geistiges Leben, war in diesem Ausmaß in jenen Jahren eine Seltenheit.

Boris Pasternak, russischer Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger

Unter Stalin wurden alle moderne Literaturbewegungen vom Staat unterdrückt und den stalinistischen Säuberungen fielen auch zahlreiche georgische Schriftsteller zum Opfer. Fast die Hälfte der Gruppe "Tsisperi Kantsebi", kam dabei um, darunter die bedeutenden Dichter Tizian Tabidse (1893-1937) und Paolo Iaschwili (1894-1937), von dessen Familie der russische Schriftsteller Boris Pasternak während seines Exils aufgenommen worden war:

Seine Poesie fußt auf Fakten und exakten Zeugnissen seiner Empfindungen. Sie ist der modernen europäischen Prosa verwandt: Belyi, Hamsun, Proust, und wie ihre Dichtungen voll erfrischender, unerwarteter und genauer Beobachtungen. Es ist höchste schöpferische Poesie.

Boris Pasternak über Paolo Iaschwili

Die Werke georgischer Dichter wurden in Russland von Boris Pasternak und seinen Zeitgenossen besonders in dieser Periode kommunistischer Einheitskultur als Inbegriff der Unabhängigkeit und selbständigen schöpferischen Tätigkeit erlebt:

Die Lyrik des Giorgi Leonidse (1900-1966), "dieser so ganz und gar unabhängige Dichter", das "unabhängige Schaffen" in "höchster Vollkommenheit" Simon Tschikowanis (1903-1966) und ebenso die Bücher Wascha Pschawelas, die "zur Kultivierung der Individualität führten, vergleichbar den Werken der großen Individualisten der jüngsten Vergangenheit im Westen" (vgl. Boris Pasternak "Briefe nach Georgien").

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlangte Georgien zwar seine lang ersehnte Selbständigkeit, wurde aber über Nacht von der reichsten Sowjetrepublik zu einem der ärmsten Länder der GUS-Staaten.

Die folgenden Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs hatten spürbare Auswirkungen auf die georgische Literaturszene. Es gab keine Verlage mehr, keine Buchhandlungen, keine Finanzierungshilfen für die Publizierung neuer Werke, und erst in den letzten Jahren erwachte wieder das Interesse von Förderinitiativen beispielsweise aus der Schweiz.

Mit dem Kollaps des sowjetischen Verlagswesens brach auch die Buchindustrie zusammen. Noch um die Jahrtausendwende musste die georgische Leserschaft befürchten, dass das georgische Buch aussterben würde. Das hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Eine neue Generation von Autoren und Autorinnen etabliert sich; es wurden neue Buchpreise und Literaturwettbewerbe ins Leben gerufen, und der Austausch mit dem westlichen Ausland kommt in Gang.

Rachel Gratzfeld, Schweizer Lektorin

2018 wird Georgien Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse sein.

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