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Religion Georgien

Engelfresko im georgischen Kloster Wardsia
Fresko im Höhlenkloster Wardsia, Foto: Sven Müller

Meine Heimat ist meine Ikone und die ganze Welt ist ihr Ikonenschrein. Glänzendes Berg- und Tiefland teilen wir mit Gott.

Erste Worte der georgischen Nationalhymne

In Georgien treffen sich die Weltreligionen Judentum, Islam und Christentum auf engstem Raum. In der Altstadt von Tbilissi kann man die religiöse Vielfalt besonders eindrucksvoll erleben, hier stehen Synagoge, Moschee und christliche Kirchen beinahe Tür an Tür.

Unter Osmanischer Herrschaft konvertierten viele Georgier der westgeorgischen Region Adscharien zum Islam. Jüdische Gemeinden gab es seit dem 6. Jh. v. Chr. Persien übte ebenfalls einen starken Einfluss auf das religiöse Leben aus. Die wichtigste Rolle für die Geschichte Georgiens und die Identität der Georgier aber spielt das Christentum.

Das georgisch-orthodoxe Christentum

Wer in Georgien zum ersten Mal eine orthodoxe Kirche betritt, den ergreift unmittelbar eine gewisse Scheu. Nicht unbedingt vor architektonischer Pracht und Größe, als vielmehr vor der heiligen Ruhe, die von den uralten Steinbauten ausgeht.

Viele georgische Kirchen sind an den Orten, manchmal sogar auf den Fundamenten heidnischer Heiligtümer errichtet, immer an Plätzen von besonderer Intensität. Ausgesprochen harmonisch in die wechselhafte Landschaft eingefügt, haben sie Jahrhunderte überdauert, Fremdherrschaften standgehalten und sind bis heute Zentren religiöser Andacht geblieben.

Als Besucher ist man besonders berührt von der Innigkeit, mit welcher die Menschen in verhaltenen Gebeten verweilen. Schon die allerjüngsten sieht man mit selbstverständlichem Ernst das Kreuzzeichen schlagen.

An Feiertagen und zu wichtigen Ereignissen begibt sich die ganze Familie in die Kirche, um kleine Kerzen zu entzünden und ein persönliches Gebet an Maria oder Schutzheilige zu richten, die als Mittler zwischen Gott und den Menschen erlebt werden.

Der Heilige Georg in Georgien

Eine besondere Verehrung erfährt der oft als Drachenkämpfer dargestellte Heilige Georg, dem eine mythische Mondgottheit - der ritterliche "Weiße Georg" -zugrunde liegt. Dies hat in der Kreuzfahrerzeit möglicherweise dazu geführt, dass man dem Land Sakartwelo (engl. Sakartvelo), wie es für die Georgier noch immer heißt, den Namen "Georgien" verlieh.

Christianisierung Georgiens

Georgien gehört zu den ältesten christlichen Nationen der Welt. 337 wurde das Christentum zur Staatsreligion erklärt und verdrängte damit die heidnischen Sonnenkulte. Archäologische Funde zeugen von der verbreiteten Verehrung des Schöpfergottes "Armasi", ähnlich dem Mithraskult im südlichen Nachbarland Persien.

Lebensbaum an georgischen Kirchen

Die ethymologische Verwandtschaft der Wörter: Leben (zozchloba), lebendig (zozchali) und Feuer (zezchli) bzw. heiß (zcheli) geben eine Ahnung der ursprünglich herrschenden Vorstellung, dass alles Leben dem (himmlischen) Feuer entspringt.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, dass Christus der Retter (griech. Soter) in der georgischen Sprache "Mazchowari" heißt, was ebenso wie bei den Syrern, der "Lebensspender" bedeutet (vgl. Frank Teichmann).

Die Vorstellung von Christus als Lebensquell sieht man an den Fassaden von Kirchen und Klöstern in einer Fülle von Lebensbaum-Ornamenten ausformuliert.

Die älteste Kathedrale Georgiens heißt "Sweti Zchoweli" (lebendige Säule) und das traditionelle Kreuz der georgisch-orthodoxen Christen ist das "lebenspendende" Rebenkreuz der heiligen Nino.

Spuren des Urchristentums in Georgien

Jeder Pulsschlag in Jerusalem hallt in Mzcheta wider

Patriarch Kirion II.

Jüdische Gemeinden gab es in Georgien seit der Zeit des babylonischen Exils im 6. Jh. v. Chr. und die Ereignisse um Christus im fernen Jerusalem drangen bis ins Kaukasusgebiet. Die Juden von Mzcheta standen in ständigem Kontakt zu Palästina, aus einer Chronik zum Leben der Juden in Mzcheta (Priester Abiatar) geht hervor, dass die georgischen Juden der Kreuzigung nicht zustimmten.

Elios von Mzcheta und Longinos von Karsna, so heißt es, waren nach Jerusalem gezogen zur Versammlung der Glaubensgelehrten, um die Geschichte Christi zu untersuchen. Weiter heißt es, dass Elios die "heilige Tunika" Christi erwarb und nach Mzcheta brachte, wo sie noch immer begraben liegen soll.

In den folgenden Jahren der Evangelienverkündung scheinen die georgischen Juden eine Art Vermittlerfunktion zwischen den Vertretern des Alten und des Neuen Testaments erfüllt zu haben.

Bereits im 1. Jh. entstanden urchristliche Gemeinden in Georgien, als Prediger werden namentlich die Apostel Andreas, Matthias und Simeon Zelotes genannt. Die erste georgische Bibel wurde vermutlich aus dem Hebräischen übersetzt (Pavle Ingorokva, russ. Historiker).

Die Heilige Nino

Der bedeutendste Schritt zur Christianisierung war die Bekehrung des Königs Mirian I. durch Nino (griech. Christiana) aus Kappadokien. Sie hatte die Erscheinung der Gottesmutter Maria, die ihr auftrug, das Land im Norden, "welches mir zugefallen ist" aufzusuchen, um dort das Evangelium zu verkünden.

Als Zeichen überreichte sie Nino ein Kreuz aus Weinreben. Das Kreuz, verbunden mit ihrem eigenen Haar, verhalf Nino zu zahlreichen Wundertaten und schließlich zur Heilung der georgischen Königin.

Am Ziel einer langen Reise wurde das "lebenspendende Kreuz" zum zentralen Motiv der georgischen Christen. Ausgehend von der leuchtenden Gestalt der Heiligen Nino, verbreitete sich das Christentum rasch und wurde bereits im frühen vierten Jahrhundert zur Staatsreligion und ab dem 6. Jahrhundert von georgischen Mönchen aus Jerusalem, den "Syrischen Vätern" in dreizehn bedeutenden Klöstern kultiviert.

Ein ganzer Kreis von Legenden knüpft sich an die Namen dieser Männer, deren Leben und Wirken auf den Geist und das Wesen jener Zeit ein helles Licht werfen und uns jene Einsiedeleien als die Horte wirklicher Ideale erscheinen lassen.

Arthur Leist, deutscher Schriftsteller und Historiker, 1903

Das Grab der Heiligen Nino befindet sich heute im Nonnenkloster Bodbe in Ostgeorgien, ein frequentierter Pilgerort, von besonderer Eindrücklichkeit.

Das Kreuz der Heiligen Nino

Mit den charakteristisch nach unten geneigten Armen ist das Ninokreuz als lebenspendendes Rebenkreuz eines der Hauptsymbole der georgisch-orthodoxen Kirche. In der Kreuzesverehrung steht es gleichwertig neben dem strengen Balkenkreuz des Martyriums.

Die Kreuzigungsszene wurde nach byzantinischer Tradition ausschließlich im Seitenschiff dargestellt. Über dem Altar findet sich in georgischen Kirchen oft das Deessis-Motiv aus der Apokalypse, sowohl in einfacher Variante mit Christus, Maria und Johannes, wie in der um Erzengel und Seraphim erweiterten Version.

Nur in Georgien hat sich darüber hinaus die Tradition erhalten, auch oben, in die Kuppel der Kirchen ein gleichseitiges Kreuz zu malen, teilweise durch Engel gestützt, als Bild der von Christus dem Tode entrissenen Erde.

Georgische Ikonen

Die Tradition georgischer Ikonen reicht weit zurück. Die ältesten erhalten gebliebenen Ikonen stammen aus dem 9. Jahrhundert. Sie zählen zu den feinsten Schöpfungen orthodoxer Ikonenkunst. Sie werden meist von Mönchen und Nonnen "geschrieben", ursprünglich unter dem Eindruck einer Offenbarung, ihre Schreiber gelten als Werkzeug Gottes.

Ikonen sind nicht als Kunstgegenstand oder Dekoration anzusehen, sondern dienen einer existentiellen Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten, die Ikonenverehrung richtet sich demnach nicht auf das Bild, sondern auf die hinter dem Bild präsente Wahrheit. Ihre Verehrung wird strikt unterschieden von Anbetung, die nur Gott zukommt.

Ikonenwunder in Georgien

Georgien ist ein Land, in dem Ikonenwunder noch selbstverständlich erlebt und angenommen werden. Das heilige Öl "Myron" zum Vollziehen der Sakramente wird aus den "Tränen" ihrer Ikonen gewonnen. Myron-Balsam tritt noch heute aus den Augen besonders verehrter Ikonen aus, und gilt als ein wissenschaftlich ungeklärtes Phänomen.

Die Ikonendarstellung von Christus, Maria, Erzengel oder Heiligen, wird als reale Präsenz erlebt. Im 13. Jahrhundert ließen sich 100.000 Georgier hinrichten, indem sie sich weigerten, eine Marien-Ikone zu bespucken und mit Füßen zu treten.

Verbindung orthodoxer Glaube und georgischer Staat

Oh Jungfrau, Fürbitterin der Schuldigen, die Du das Wort im Fleische der Erde verdichtet hast, nimm fort von mir die Schwere der Verzweiflung, damit in Reue ich vor dir niederfalle! Du verliehest mir die Tugend der Selbstbeherrschung und auch der Herrschaft Krone.

König David, der Erbauer (1073-1125), Reuegesänge

Die Georgisch Orthodoxe Apostelkirche ist seit dem 5. Jahrhundert autokephal (selbständig). Im Jahre 487 gewährte das Patriachat von Antiochia der iberischen Kirche die Selbstregierung. Sie hat in Bezug auf den Duophysitismus (die Doppelnatur des Christus) die Beschlüsse des Chalcedonischen Konzils anerkannt und orientierte sich damit politisch von Anfang an nach Byzanz.

Ihre bedeutende Rolle für die kulturelle Entwicklung Georgiens erhielt sie, als David der Erbauer 1103 in einer grundlegenden Reform die Kirche dem weltlichen Staatsoberhaupt unterstellte, wodurch sie sich als tragender Pfeiler seiner Herrschaft erweisen sollte.

Die höchsten geistlichen Würdenträger verpflichtete David der Erbauer zur Übernahme zentraler politischer Ämter. So ernannte er den Bischof von Matwili zum Reichskanzler, eine Position, die damals üblicherweise vom Militär bekleidet wurde.

In die Zeit seiner Regentschaft fielen die ersten Kreuzzüge. Der von den Kreuzrittern unter dem Titel "Priesterkönig Johannes" verehrte David unterschied sich jedoch grundlegend von ihrem religiösen Fanatismus, durch seine aufgeklärte Haltung und christliche Ethik.