Die Georgische Tischkultur

Georgische Tafelrunde Gemälde von Pirosmani
Die Georgische Tafel, Gemälde von Niko Pirosmani, 1906

"Gaumardschoss! Sei siegreich!", mit diesen Worten erhebt der Georgier sein Glas, damit wird jeder Prost bekräftigt und nur so ist es zu erklären, wie das georgische Volk sich behaupten konnte, trotz ständiger Invasionen und Fremdherrschaften auf- und untergehender Großmächte.

Jeder Gast, der nach Georgien kommt, wird irgendwann einmal zu einer georgischen Tafel geladen sein und an diesem besonderen Zeremoniell alter Tradition teilnehmen. Entgegen landläufiger Annahme, handelt es sich hierbei nicht nur um üppiges Essen mit übermäßigem Weingenuss.

Tamada, der Tischführer

Antike "Tamada" Bronzestatue, 7. Jh. v. Chr.

Zu Beginn wird ein Symposiarch, georgisch: "Tamada", ernannt und mit der bedeutsamen Aufgabe der Tischführung betraut. Er ist verantwortlich für das Wohlergehen seiner Gäste, und - das werden alle ausländischen Gäste bestätigen - er bezieht den Einzelnen in die Gesellschaft ein.

Mit reichhaltigem Essen, Wein und meisterhaftem Wortaufgebot wird ein guter Tamada jeden Versuch unterbinden, sich verloren oder fehl am Platz zu fühlen. Die georgische Tafel erfüllt in dieser Hinsicht einen wichtigen gesellschaftlichen Akt der Integration.

Tamada ist in der Regel jemand mit Erfahrung. Er muss körperlich den Anforderungen gewachsen sein, eine gewaltige Menge Wein vertragen und dabei geistig rege bleiben, denn bei den nun folgenden Trinksprüchen sind Kreativität, Scharfsinn, Originalität und Witz gefordert.

Georgische Trinksprüche

Stehend und mit erhobenem Glas spricht der Tamada im Laufe des Abends die verschiedenen Segenswünsche auf den Gastgeber und den Anlass, auf die Kinder, die Verstorbenen, Mütter, Ehefrauen, Frauen, Gäste, Freunde, Nachbarn, Friede und Schutzheilige.

Im Anschluss daran erhebt jeder der Anwesenden nacheinander sein Glas, um diesem Wunsch mit eigenen Worten Nachdruck zu verleihen, der Form sind keine Grenzen gesetzt: Zitate großer Dichter, musikalische Einlagen bis zur Tanzdarbietung, alles ist erlaubt.

Einer gewissen Tyrannei kann man sich dabei nicht entziehen. Man wird regelmäßig aufgefordert, den Trinksprüchen der anderen aufmerksam zuzuhören, zu gegebener Zeit die rechten Worte zu finden und vor allem jedes Mal sein Glas zu leeren, ohne dabei betrunken zu werden. Denn Trunkenheit ist eine Schande.

Die Georgier verstehen Wein nicht als Alkohol sondern als eine Art Persönlichkeit, mit einer Seele, einem Charakter, einer Herkunft und einer Aufgabe: Vermittler zu sein zwischen den Menschen.

Vor jedem georgischen Prost werden die Gläser aufs neue gefüllt, als sei gerade die Unberührtheit die Voraussetzung für einen wirkungsvollen Segen. Wenn man nicht trinken möchte - was selbstverständlich akzeptiert wird - lässt man sich trotzdem einschenken und nippt eben nur symbolisch ein Schlückchen.

Bedeutung der Trinksprüche

Was macht den Gehalt aus? Es ist wohl vor allem das Lob. Es geht darum an den Menschen etwas Lobenswertes zu entdecken und dies mitzuteilen. Selbst wenn es im Alltag Streit und Schwierigkeiten gibt, so werden diese nicht an den Tisch herangetragen.

Der georgische Tisch weist da gewisse Parallelen zur psychotherapeutischen Gruppenarbeit auf. Der Andere wird grundsätzlich mit Liebe und Achtung begrüßt, was soweit führen kann, dass er sich dadurch selbst höher schätzen wird als vorher, was sich wiederum heilsam auf sein Leben auswirkt (vgl. Dr. Levan Gvelesiani "Die georgische Tafelrunde").

Man muss den georgischen Tisch als vielschichtiges Ritual begreifen. Es ist eine Art Fortsetzung der kirchlichen Liturgie auf weltlicher Ebene, von Mensch zu Mensch. Was nicht in den Segenskanon der Kirche gehört, wird hier ausgesprochen. Das georgische Wort für "Tafel" bedeutet auch "Altar".

Der Gast ist ein Geschenk Gottes

Bei wichtigen Anlässen wie Hochzeit, Taufe oder Begräbnis sind oft mehrere hundert Gäste daran beteiligt. Die Georgier feiern gerne und ausgiebig. Vielleicht liegt hier die Antwort, warum Gäste in Georgien noch heute so willkommen sind.

 

Dr. Levan Gvelesiani: Die Macht des Wortes und der gute Wein - die georgische Tafelrunde, Mitteilungsblatt der Berliner Georgische Gesellschaft e.V. 3/4 11. Jahrgang März/April 2002, Nummer 90