Chewsuretien

Schatili Festung in Chewsuretien
Festungsdorf Schatili in Chewsuretien, Foto: Erich Wucher

Die Sonne stand hoch, aber sie brannte nicht. Die Wolken warfen ihre Schatten auf den grünen Hang. Mein Herz war voller Freude. Alles ringsum erweckte Freude: das Bett des Stromes, die Kiesel im Fluss, die bunt gesprenkelten Felsen, die abschüssigen, mit Moos bewachsenen Klippen.

Grigol Robakidse, georgischer Schriftsteller, in: Kaukasische Novelle, 1922

Chewsuretien, das Land der Schluchten (Chewi = Schlucht), ist die abgelegendste und bis heute die am schwersten zugängliche Bergregion im Norden Georgiens. Bis ins letzte Jahrhundert hinein kamen Reisende sehr selten so weit in die Berge. Die Natur ist sehr vielfältig, die Hänge samtgrün, die hohen Berge umstehen die Täler wie strenge Wächter.

Schatili Festung

Das Festungsdorf Schatili in Chewsuretien ist einer der beeindruckendsten Orte Georgiens. Das uralte Dörfchen hängt über der tiefen Arghuni Schlucht auf einer Höhe von 1.400m und scheint regelrecht aus den Felsen heraus zu wachsen. Die Wände der dicht zusammengedrängten Häuser und Festungen mit mehr als 60 Wohn- und Wehrtürmen bilden eine einzige massive Festung.

Das ganze Ensemble ist aus Schiefer gebaut, größtenteils Trockenbau. Türen und Fenster der benachbarten Türme waren so angeordnet, dass sie sich gegenüber standen und einander kontrollieren und schützen konnten. Vom untersten Turm am Flussufer gelangte man - von Außen unbemerkt - durch die verschiedenen Familientürme hindurch bis zur Spitze des Dorfes. An vielen Stellen bildet die Außenwand des einen Turmes die Basis für den nächststehenden Turm. Die massiven Hausrückwände weisen nach Außen.

Das Bauensemble des heutigen Schatili entstand im Mittelalter (ab 17. Jh.), das unmittelbar daneben liegende Alt Schatili (heute nur noch als Ruine) wird bereits in Schriftquellen des 12. Jhs erwähnt. Bei archäologischen Ausgrabungen in der Nähe fand man Siedlungsspuren aus dem 2. Jahrtausends v. Chr.

Schatili liegt an einer strategisch bedeutsamen Stelle, es schließt das enge Tal des Arghuni Flusses nach Nordosten und kontrollierte damit die Wege und Pfade, die von Tschetschenien, Inguschetien, Tuschetien und teilweise auch Dagestan ins Innere Georgien führten.

Chewsuretien und Russland

Die Annexion Georgiens durch Russland 1801 und die damit verbundene Abschaffung des georgischen Adels löste vor allem in den georgischen Bergregionen massive Proteste aus. Teilweise kämpften Chewsuren und Kisten (Tschetschenen) gemeinsam gegen die russische Armee. Entgegen den Erwartungen, in den Bergen nur "Wilde" vorzufinden, leisteten die Chewsuren heroischen Widerstand.

Sie schießen stehend und treffen fast immer ins Ziel (...) unseren Verwundeten halfen sie beim Aufstehen.

russischer Militärschreiber

Als 1918 ein Sohn des georgischen Königs Erekle II. nach Chewsuretien floh, wurde Schatili bei einer Belagerung 1918 mit Kanonen beschossen und großteils zerstört, die Stadtmauer und höheren Türme wurden bis heute nicht wieder hergestellt. Schließlich mussten sich die Bewohner ergeben, von Schatili aus ging der letzte georgische Thronanwärter ins Exil.

In den 1950er Jahren wurden die Bewohner Schatilis von den sowjetischen Behörden ins Flachland zwangsumgesiedelt mit dem Versprechen von besseren Arbeitsbedingungen. Während das verlassene Gebiet Kulisse für zahlreiche georgische Nostalgiefilme über das Leben der Bergbewohner wurde, gingen durch die Umsiedelung einige einzigartige Traditionen verloren. Nur wenige Familien kehrten ab den 70er Jahren wieder zurück.

Heute leben wieder 15 Familien in Schatili. Das Gebiet zählt zu den am schwersten zugänglichen Regionen Georgiens, die Straße ist wegen Schneefall und Lawinengefahr beinahe acht Monate im Jahr nicht befahrbar. Nur zwei Familien bleiben das ganze Jahr über im Dorf. Im Winter kann es gut 25 Grad unter Null werden, die Sonne steigt zweitweise nur wenige Minuten am Tag über die Berggipfel.

Muzo Ruine

Die Wehrsiedlung Muzo auf 1.880m Höhe gelegen besteht aus etwa 30 befestigten Wohneinheiten, die ähnlich wie Schatili in vertikalen Terassen, dem Felsrelief perfekt angepasst über einer Schlucht errichtet wurden. Muzo ist seit über hundert Jahren kaum noch bewohnt und zählt zu den bedrohtesten Denkmälern Georgiens.

Die Chewsuren

Wer bist du? Ein Georgier?" fragte er mich. "Zum Teil", antwortete ich zögernd. Man mußte das verständnislose Gesicht des Chewsuren sehen. Dieser junge Mensch, in dem alle Elemente zu einer Einheit verschmolzen waren, der keine Geteiltheit zu empfinden vermochte, konnte die Antwort "zum Teil" gar nicht verstehen.

Grigo Robakidse, Reisebericht "Kaukasische Novelle", S.13

Die Chewsuren sind Christen, deren religiöses Leben von zahlreichen vorchristlichen Bräuchen und Ritualen geprägt ist. Überall findet man noch Heiligtümer, denen sich kein Fremder nähern darf. Sie sind großartige Reiter und Dichter. Allerdings unterscheiden sich die Bewohner der verschiedenen chewsuretischen Dörfer in Lebensweise und Charakter stark voneinander. Den Bewohnern der "diesseits der Berge" gelegenen Dörfern (Djuta u.a.) sagt man eine größere Leichtigkeit nach: die Bewohner der "jenseitigen" Dörfer (Schatili u.a.) waren bekannt für ihren strengen Charakter und traditionsbewusste Lebensweise, was sich durch die permanente Bedrohung durch die nördlichen Kaukasusvölker erklärt.

Chewsurisch

Die Sprache der Chewsuren enthält noch die meisten Ähnlichkeiten mit Altgeorgisch, zahlreiche chewsurischen Worte sind im Hochgeorgisch nicht mehr zu finden. Wenn die Menschen in Chewsuretien sprechen, weiß man nicht so recht, ob sie gerade ein Gedicht zitieren oder einfach nur etwas alltägliches erzählen. Nirgends ist die Sprache von einer solchen Lebendigkeit:

... ihre Worte duften noch!

Robakidse bei seiner erste Begegnung mit den Chewsuren

Die Gedichte der Chewsuren handeln meistens von Kämpfen oder sind Totenklagelieder. Überall findet man am Weg kleine gemauerte Brunnen, jeder einem verstorbenen Menschen gewidmet. Oft stehen neben den Namen noch Klageverse.

 

Quelle: "Schatili, ein Reiseführer", Aufzeichnungen von Mikeil Chincharauli, 2012